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Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V.


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Fahrten: 1997  1998  1999  2000  2001  2002  2003  2004  2005  2006  2007  2008 

"4. Begegnungsfahrt Weißrußland"

vom 23. Juli bis 4. August 1999

mit freiwilligen Arbeitseinsätzen vom 23. Juli bis 10. August 1999

Die vorliegende Dokumentation wurde zusammengestellt und herausgegeben von den Veranstaltern der Begegnungsfahrt, der Männerarbeit der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig mit dem Dienstbereich Handwerk und Kirche, sowie der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V.

Beiträge geschrieben haben:
Fritz Schulz und Mathilde Wormslev von der Reisegruppe, Günter Menzel vom Handwerkereinsatz, Birgit Höhmann und Volker Bechstedt von der Schwimmtherapiegruppe, Kai Boever vom EDV-Einsatz.

Übersetzungen und Informationen über den orthodoxen Gottesdienst, das Wappen von Wizebsk und dem Naturschutzgebiet Belaweshkaja Puschtscha sind von Anja Neuhaus.

Korrektur und Schreibarbeiten haben Irene Koch, Paul Koch, Marina Watermann, Horst Wohlfarth, Maya Wohlfarth und Mathilde Wormslev gemacht.

Druck: Horst Jasper (Druckerei Gesamtkirchliche Dienste, Kirchencampus Wolfenbüttel)
Auflage: 1500 Stück.

Die Broschüre kann kostenlos an Interessierte abgegeben werden. Über eine freiwillige Spende für die weitere Tschernobyl- und Weißrußlandhilfe freuen wir uns sehr. (Eine Spendenquittung wird automatisch ausgestellt, wenn auf dem Überweisungsträger die komplette Anschrift vermerkt ist.)

Paul Koch
Landesgeschäftsführer der Männerarbeit der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig Vorsitzender der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V.

Bericht mit Bildern und Zeitungsartikel, PDF 10,5MB
Bericht ohne Bilder und Zeitungsartikel, PDF 570kB

Dezember 1999

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorinformationen
  2. Start
  3. Chatyn, Nadeshda, Kuropaty
  4. Minsk: Blindengesellschaft und Stadterkundung
  5. Letzter Tag in Minsk: Besuch der Sozialökologischen Union Tschernobyl, Tschernobyl-Museum, Tschernobyl-Kirche und Treffen mit der Lutherischen Gemeinde
  6. Humanitäre Hilfe für die Blindengesellschaft und für die Umsiedler; Abfahrt nach Polazk und Wizebsk
  7. Wizebsk
  8. Mir, Nawahrudok und Hrodno
  9. Hrodno, Belaweskaja Puschscha (Urwald) und Brest
  10. Berichte von den Arbeitseinsätzen der Handwerker und Berichte (Gedankensplitter) der Teilnehmer

1) Vorinformationen

Die Einladung zur Begegnungsreise und zum Handwerkereinsatz war von den beiden Veranstaltern Männerarbeit und Tschernobyl-Initiative, natürlich auch an die Öffentlichkeit gerichtet.
Nach langer Vorlaufzeit und anfangs sehr zaghafter Rückmeldung kristallisierte sich eine Reisegruppe heraus, die sich wiederum in 4 Gruppen aufteilte. In Minsk gab es durch unterschiedliche, vorangemeldete Interessen weitere Kleingruppen.
Die Einladung zur Einweihungsfeier in Podjelniki, dem Sanatorium der weißrussischen Blindengesellschaft ca. 80 km südwestlich von Minsk, war der Auslöser zur Reiseplanung. Leider mußte die geplante Einweihung des vom Freizeitheim zum Sanatorium umgebauten Objekts auf unbestimmte Zeit verschoben werden, weil der Innenausbau in der entscheidenden Schlußphase wegen eines langen und nassen Winters (Überschwemmung) unterbrochen werden mußte. Die wirtschaftliche Situation trägt weiterhin dazu bei, daß im Moment kein konkreter Einweihungstermin für Podjelniki genannt werden kann. Sicher ist, wenn es soweit ist und Podjelniki eingeweiht wird, werden wir mit einer kleineren oder größeren Delegation vertreten sein. Denn hier finden Kindererholung und Mutter-Kind-Kuren statt, die wir alle zwei Jahre finanziell unterstützen.

Hier die geplanten Kleingruppen:

Gruppe 1: Handwerker / Nadeshda:
(Rehabilitationszentrum für tschernobylgeschädigte Kinder aus Weißrußland, 70 km nördlich von Minsk am Wilejka-See) Dieter Look (Wolfsburg) und Detlef Rödiger (Braunschweig) sind seit 1995 mindestens einmal im Jahr in Nadeshda zu einem Arbeitseinsatz gewesen. Karl Basan (Salzgitter) und Günter Menzel (Braunschweig) sind seit 1996 ebenso regelmäßig dort. In Nadeshda sind die Handwerker wegen ihrer Fachkenntnisse, und weil sich inzwischen intensive Freundschaften entwickelt haben, gern gesehene Gäste. Die vier Handwerker fahren auf dem Hinweg mit der Reisegruppe, bleiben aber eine Woche länger und kommen mit dem Zug zurück.
Für den jetzigen Arbeitseinsatz sind ausschließlich Bettenreparaturen bzw. Bettenumrüstungen vorgesehen. Die 200 Betten des Kinderzentrums in Nadeshda , die ganzjährig belegt sind, bestehen aus Naturholz. Die Schwachstellen der Betten sind die tragenden Eckverbindungen (Verzapfungen). Der Dauerbelastung durch die Kinder sind diese Verzapfungen nicht gewachsen. So schlug Günter Menzel eine Verstärkung durch eine Metallverbindung vor, die auch die Verantwortlichen in Nadeshda für gut befanden. Bereits im Oktober 1998 wurde mit diesen Arbeiten begonnen. Die Männerarbeit finanzierte das Material im Werte von ca. 1.000,- DM über Spenden.

Gruppe 2: Schwimm-Therapie / Nadeshda:
Volker Bechstedt ist in Nadeshda als Malermeister bereits bekannt. Als ausgebildeter Mitarbeiter der Deutschen Lebensrettungs Gesellschaft (DLRG) hatte er bei seinem letzten Arbeitseinsatz die Idee, daß am nahegelegenen Wilejka-See die Möglichkeit zur Schwimmtherapie besteht. Die Schwimmtherapie könnte die Gesundung und Erholung der Kinder unterstützen. So sprach er die Schwimmeisterin Birgit Hömann an, ob sie nicht Lust zu einem freiwilligen Arbeitseinsatz in Nadeshda hätte. Sie stimmte zu, und so fuhren diese beiden zu einem sehr speziellen Einsatz. Im Gegensatz zu den Handwerkern fuhren sie aber auch wieder mit dem Bus zurück. Im Gepäck hatten sie Wasserspiel- und Sportgeräte, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen sollten. Geplant war, daß die Pädagogen vor Ort in die Möglichkeiten der Schwimmtherapie eingewiesen werden sollten um anschließend selbst diese Therapie mit den Kindern durchführen zu können.

(3.) Arbeitseinsatz: EDV- und Internet-Beratung:
Zur EDV- und Internet-Beratung bot sich Kai Boever (Winnigstedt) an. Er hat bereits mit einem kleinen Team für die Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt die Internetseiten aufgebaut und zusammen mit Alfred Reimann (Braunschweig) in die Homepage der Ev.-luth. Landeskirche integriert. Dort zu finden unter http://www.luth-braunschweig.de. Kai Boever wollte die Blindengesellschaft in EDV- und Internetfragen beraten und evtl. eine Internetseite für sie aufbauen und installieren. In seinem Reisegepäck befanden sich gebrauchte (überprüfte) Computer, die von der Oskar Kämmerer Schule (Braunschweig) ausgemustert und für Weißrußland gespendet worden waren.

Für die Gruppen 1-3 ist ein Fahrtkostenzuschuß von der Stiftung West-östliche Begegnungen in Berlin zugesagt, für den wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken.
Jede Gruppe verfaßt einen eigenen Bericht, der im Anhang zu finden ist.

Gruppe 4: Reisegruppe "Begegnungsfahrt Weißrußland":
Der größte Teil der Reisegruppe gehört der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V. als Mitglied an. Diese sind: Paul Koch, Vorsitzender (Watzum); Irene Koch, Geschäftsführerin (Watzum) und die beiden jüngsten Teilnehmerinnen Vera und Ronja Koch (Watzum). Anja Neuhaus, unsere bewährte Dolmetscherin, hat uns bereits in den letzten Jahren mehrfach bei unseren Fahrten begleitet. Inge Basan (Salzgitter), Ingeborg Bechstedt (Kassel), Heiko Kramer (Wolfenbüttel) und Henning Freist (Bad Bevensen) gehören zu den Vereinsmitgliedern, die schon häufig bei Begegnungsfahrten in Weißrußland waren. Vereinsmitglieder, die zum ersten Mal in Weißrußland waren, sind: Jens Stadelmann (Braunschweig), Maya und Paul Wohlfarth (Winnigstedt) sowie Mathilde Wormslev (Braunschweig). Des weiteren gehören zu der Reisegruppe Ursula Aust (Vechelde), Klaus Baumgartner (Peine), Wilhelm Falke (Woltershausen), Lisa Fischer (Volkmarode), Wilhelm Granse (Bergfeld), Erika Mohs (Kassel), Björn Preuß (Tübingen), Friedrich Schulz (Erkerode) und unser Busfahrer, Burkhard Gifhorn (Rohrsheim).

Unser Partner in Weißrußland ist die Weißrussische Blindengesellschaft. Als Reisebegleiter haben wir wie in den letzten Jahren Wjatscheslaw Pleskatsch. Er ist für die Auslandskontakte der Blindengesellschaft zuständig. Sein Mitarbeiter Nikolaj Schoudaiko (Dolmetscher) gehörte häufig zu unseren weißrussischen Reisebegleitern und ist auch dieses Mal (bis auf die Zeit in Wizebsk) mit uns unterwegs.

Im Reisegepäck der Gruppe befindet sich humanitäre Hilfe unterschiedlichster Art. Unter anderem Medikamente im Werte von ca. 5.000,- DM und eine Geldspende für die lutherische Gemeinde in Minsk in Höhe von 2.900,- DM.

Die Fahrtroute führt uns in bekannte Städte wie Brest, Minsk, Chatyn, Nadeshda und Mir. Erstmalig ist eine Fahrt in den Norden Weißrußlands geplant. Hier stehen die Städte Polazk, Wizebsk, Nawahrudok und Hrodno auf dem Programm.

2) Start

Freitag, 23.07.1999: Um 18.00 Uhr trifft ein großer Teil der Reisegruppe auf dem Betriebshof des Wolfenbüttler Reisebüros Schmidt ein. Die vorletzte Sitzreihe ist ausgebaut für humanitäre Hilfe. Leider ist der zugesagt Skikoffer als weitere Lademöglichkeit für humanitäre Hilfe nicht am Bus. Neben Burkhard Gifhorn ist ein zweiter Fahrer da, der uns bis nach Warschau bringt. Die wichtigsten Dinge, die unbedingt an humanitärer Hilfe mit müssen, werden bereits hier verstaut. Der Rest wird in Watzum zugeladen. Hier kommen auch weitere Mitreisende hinzu. Um 19.30 Uhr trifft der Pressefotograf Achim Rosenthal (Timmern) ein, um einige Fotos für die Wolfenbüttler Zeitung und das Wplfenbüttler Schaufenster aufzunehmen. Um ca. 19.45 Uhr spricht Landesmännerpfarrer Friedhelm Meiners einen Reisesegen und verabschiedet die Reisegruppe. Pünktlich um 20.00 Uhr starten wir und begeben uns auf den Weg nach Weißrußland.

Trotz Ferienbeginns gibt es keine größeren Staus. Kurz vor Mitternacht sind wir in Frankfurt/Oder im deutsch-polnischen Grenzbereich. Dort sind enorm lange LKW- und PKW-Schlangen. Am 24.07. überschreiten wir die Grenze um 2.30 Uhr. In Warschau suchen wir nach Plan den Bahnhof, um den zweiten Busfahrer abzusetzen. Erst später merken wir, daß wir bei unserer normalen Route am Bahnhof vorbeigekommen wären. Da die Schienen unterirdisch liegen, fällt der Bahnhof als solcher nicht auf. Von nun an fährt Burkhard Gifhorn. Auch durch Polen haben wir weiter keine Verkehrsprobleme und sind um 14.00 Uhr (nach unserer Zeit) auf der weißrussische Seite der Grenze bei Brest. Die Uhren stellen wir nun eine Stunde vor. Wjatscheslaw Pleskatsch und Nikolaj Schoudaiko warten bereits seit 2 Stunden auf uns. Im Hotel Belarus in Brest essen wir zu Mittag und fahren dann weiter nach Minsk. Leider haben wir keine Zeit, um das auf dem Weg liegende Sanatorium der Blindengesellschaft in Podjelniki zu besuchen. Um 21.00 Uhr kommen wir in Minsk an, beziehen unser Quartier im Hotel des Kulturzentrums der Weißrussischen Blindengesellschaft und ruhen uns von den Reisestrapazen aus.

3) Chatyn, Nadeshda, Kuropaty

Der erste Tag in Minsk beginnt mit einem Ausflug nach Nadeshda, um dort die freiwilligen Helfer zu ihrem Einsatzort zu bringen. Auf dem Weg liegt Chatyn (nicht zu verwechseln mit dem polnischen Katyn). Chatyn war ein Dorf, das im zweiten Weltkrieg von deutschen SS-Soldaten überfallen wurde. Die Dorfbewohner wurden zusammengetrieben und in eine Scheune gesperrt, die anschließend zusammen mit dem ganzen Dorf angezündet wurde. Diesen Überfall überlebt nur ein alter Mann namens Kaminzki, da er sich zur Zeit des Überfalls außerhalb des Dorfes im Wald aufhielt. Ihm ist ein überdimensionales Denkmal gewidmet. Das Denkmal zeigt ihn mit seinem toten Enkel auf den Armen. Das Gelände des ehemaligen Dorfes Chatyn ist eine monumentale Gedenkstätte mit mehreren Einzelaspekten. Man gedenkt hier des Dorfes Chatyn, von dem die Grundmauern und die Schornsteine der Häuser symbolisch wieder aufgebaut wurden. Am oberen Ende des Schornsteins ist je eine Glocke eingebaut, die jede Minute anschlägt und zum Nachdenken anhalten soll. Gleichzeitig ist Chatyn auch eine Gedenkstätte für alle weißrussischen Opfer des zweiten Weltkrieges, in der die Dörfer aufgezählt werden, die für immer ausgelöscht oder auch wieder aufgebaut wurden. Viele Dörfer oder Städtenamen sind in einer anderen Abteilung aufgezählt zusammen mit den Zahlen der Opfer. Als weißrussisches Gesamtdenkmal ist die Stätte zu sehen, in der auf einer großen Marmorfläche Platz für drei Birken gelassen wurde. Dort, wo der vierte Baum stehen sollte, ist eine ewige Flamme, die verdeutlichen soll, daß jeder vierte Weißrusse im zweiten Weltkrieg umgekommen ist.

Anschließend geht die Fahrt weiter nach Nadeshda. Wie auch auf den folgenden Exkursionen fahren wir oft durch Wälder oder vorbei an Seen oder idyllischen kleinen Dörfchen. Dann ein großes Hinweisschild in kyrillischer und lateinischer Schrift: Nadeshda. Wir biegen von der Hauptstraße ab, sehen im Vorbeifahren den Wilejka-See. Jetzt liegt Nadeshda vor uns. Ein Häuserkomplex, der sich durch seine weißen Wände und die Zinkdächer sofort deutlich von anderen Einrichtungen unterschiedet. Das Zentrum feiert in diesem Jahr sein 5jähriges Bestehen. Der Eröffnung im September 1994 ging eine lange Planungsphase voran. Nadeshda wird von einem deutsch-weißrussischen Teilhaberschaft geleitet und getragen. Auf deutscher Seite ist der Initiator dieses Zentrums, die Männerarbeit der Evangelischen Kirche Deutschlands. Die Initiative ging von einem Versöhnungsseminar zwischen deutschen und weißrussischen Soldaten aus. Zweiter deutscher Partner ist der Verein Leben nach Tschernobyl/Frankfurt am Main, der für die deutsche Seite federführend die Kooperationsaufgaben erfüllt. Seit 1998 ist auch die Männerarbeit Westfalen Partner des Kinderzentrums. Auf weißrussischer Seite ist es ebenfalls eine gemeinnützige Institution mit dem Namen Leben nach Tschernobyl und das weißrussische Notstands-Ministerium.
Wir werden empfangen und begrüßt von Wladimir Suprianowitsch, dem stellvertretenden Direktor. Nach dem Mittagessen in der Mensa führt er uns durch Nadeshda. Eine Abkühlung bringt ein kurzes Bad im nahegelegenen Wilejka-See. Hier wurde für die Kinder ein Strandbad errichtet. De Schwimmtherapie soll hier durchgeführt werden. Vor unserer Abreise überreichen wir noch die mitgeführten Medikamente, Kleiderspenden und eine Werkzeugspende der Kreishandwerkerschaft Braunschweig.

Auf der Rückreise halten wir kurz vor Minsk an und besuchen eine weitere Gedenkstätte: Kuropaty. Hier befinden sich Massengräber aus den Jahren 1937 - 1941, die der stalinistische Terror hinterlassen hat. Hier haben Erschießungen stattgefunden, denen hauptsächlich die weißrussische Intelligenz zum Opfer fiel. Viele Mitglieder der weißrussischen Akademie der Wissenschaft zählen zu den Opfern. Vor allem die weißrussische Opposition hat sich für Einrichtung und Erhaltung dieser Gedenkstätte eingesetzt.

4) Minsk: Blindengesellschaft und Stadterkundung

Der zweite und dritte Tag in Minsk ist geprägt von Besuchen und Besichtigungen. Zuerst geht es um die Blindengesellschaft als Gastgeber. Im Lauf der Begegnungsfahrt werden wir noch einige Betriebe der Blindengesellschaft mit ihren Kultur-, Freizeit-, Sport- und Gesundheitseinrichtungen sehen. Hier in Minsk ist die Zentrale der insgesamt 5 selbständigen Gebietsverwaltungen mit den insgesamt 17 ebenfalls selbständig arbeitenden Betrieben. An der Spitze der Zentrale der Weißrussichen Blindengesellschaft steht Präsident Anatoli Netylkin. Die Blindengesellschaft besteht seit nunmehr 70 Jahren. Wir besichtigen das Museum der Blindengesellschaft. Die Führung durch das Museum übernimmt Swetlana. Sie hat das Museum mit aufgebaut und weiß, wo jedes Stück steht. Erst zum Schluß der Führung wird die Gruppe darauf hingewiesen, daß Svetlana blind ist. Das Museum zeigt Bilder von der Entstehung der Blindenschule und der Blindengesellschaft, Gegenstände aus Vergangenheit und Gegenwart, die von Sehbehinderten und Blinden produziert werden. Im Behindertensport haben Mitglieder der Sportgruppen der Blindengesellschaft schon einige Pokale gewonnen. Viele Gruppen, die sich im Rahmen der Kulturarbeit mit Musik beschäftigen, kann die Blindengesellschaft vorweisen. Hier im Museum sehen wir nur einen kleinen Teil. Live-Aufführungen können wir dieses Mal nicht bewundern, da Sommerferien sind. Im Kulturzentrum wird uns die reichhaltige Bibliothek gezeigt. Hier wird Literatur in Normal- und Brailleschrift sowie akustische Literatur landesweit ausgeliehen. Es stehen viele Computer zur Verfügung. Einen E-Mail- und Internetanschluß hat das Kulturzentrum bei einem weltweiten Behinderten-Einrichtungs-Wettbewerb gewonnen. Hier kommt nun Kai Boever zum Einsatz. Parallel zu den weiteren Besichtigungen spricht er mit den Verantwortlichen der EDV-Abteilung (siehe sep. Bericht).

Im Museum des Vaterländischen Krieges (Zweiter Weltkrieg) sind in 30 Räumen Dokumente dieser Zeit dargestellt. Den Partisanen ist ein großer Teil der Ausstellung gewidmet. Es wird gezeigt, wie die Partisanen Häuser präparierten und wie sie mit sehr primitiven Mitteln Flugblätter druckten. Es werden auch selbstgebaute Waffen gezeigt, oftmals umgebaut aus landwirtschaftlichen Geräten.

In der Nationalgalerie, die im Krieg zerstört war, sehen wir in der ersten Abteilung religiöse Bilder und Gegenstände aus der frühen, weißrussischen Geschichte. Ikonen, Altartüren und Engel aus Holz sind zu sehen. Weitere Abteilungen befassen sich mit der allgemeinen weißrussischen und europäischen Kunst.

Auf dem Künstlermarkt und in der privaten Galerie von Alexander Wlasjuk sehen wir Dokumente der gegenwärtigen Kunst. Der Innenarchitekt und Maler Wlasjuk zeigt in einem kleinen Raum seine Arbeiten, die auch schon in Bremen (1992), in Berlin und Hannover (1993) und in Dordrecht/Holland (1995-1996) ausgestellt wurden.

Auf unserem Weg kreuz und quer durch Minsk besichtigten wir auch einige Kirchen. Zunächst die orthodoxe Kirche ganz in der Nähe des Künstlermarktes in Richtung Altstadt. Eine kleine Messe wird gehalten, unterstützt von liturgischen Gesängen einiger Frauen.

Informationen zum Gottesdienst in der orthodoxen Kirche nach einem Gespräch mit einer älteren Gläubigen:

Die Gottesdienste finden in vielen Kirchen fast täglich statt und dauern 2-3 Stunden. Am Sonntag gibt es den großen Gottesdienst, der sich nicht durch die Länge von denen innerhalb der Woche unterscheidet, sondern durch den Inhalt (Art der Gebete, Liturgien, Predigten etc.). Der Gottesdienst besteht im wesentlichen aus Gebeten, Fürbitten, Psalmen und Liturgien, die von dem Geistlichen, der den Gottesdienst leitet (dieses dürfen nur Männer sein, Ausnahme in den Frauenklöstern), vorgesungen und teilweise vom Chor, der aus Männern und Frauen bestehen kann, singend wiederholt wird. Lediglich die Predigt wird vom Geistlichen gesprochen. Die Gemeinde selber darf nur einige wenige Hauptgebete, z.B. das "Vater unser" mitsingen. Während des gesamten Gottesdienstes stehen die Gläubigen. Häufig sieht man, daß die Gläubigen nicht den gesamten Gottesdienst besuchen, sondern mittendrin kommen und gehen.
Ein für uns nicht so geläufiger Punkt sind die Fürbitten von der Gemeinde: Am Kircheneingang, wo auch Kerzen verkauft werden, kann jeder auf einen kleinen Zettel die Namen derer aufschreiben, die in den Fürbittegebeten des Geistlichen mit verlesen werden sollen.
Der orthodoxe Glaube gebietet den Frauen in der Kirche den Kopf, Schultern und Knie bedeckt zu halten, während die Männer keine Kopfbedeckung tragen sollen.
Bevor der Gläubige die Kirche betritt, bekreuzigt er sich dreimal vor dem Bildnis Jesu, das oberhalb des Kircheneingangs hängt. Ebenso, wenn er die Kirche wieder verläßt. Während des Gottesdienstes bekreuzigt man sich an bestimmten Stellen der Gebete und Fürbitten. Das Bekreuzigen geschieht mit der rechten Hand, wobei die Fingerspitzen von der Stirn zur rechten Schulter, zur linken Schulter und dann zum Boden geführt werden.
Die Geistlichen werden aus den Opferspenden und dem Erlös der verkauften Kerzen, Bücher, Ikonen etc. bezahlt. Kerzen kann man zu unterschiedlichen Anlässen anzünden: für die Gesundheit oder zum Andenken an Verstorbene. Jeder Kerzenständer, wo man die Kerzen hinstellen kann, hat somit eine bestimmte Bedeutung.
Das orthodoxe Kreuz besteht aus einem langen senkrechten Balken und drei Querbalken, von denen die oberen beiden waagerecht sind, wobei der obere wesentlich kürzer ist, während der untere schräg von oben links nach unten rechts verläuft. Bedeutung der zusätzlichen zwei Balken (der obere kleinere und der untere schräge) gibt es mehrere. Eine Behauptung ist, daß der obere kleine Balken das Schild mit der Inschrift "INRI" darstellt, während der untere schräge Balken für die Füße gedacht war. Eine weitere Aussage ist, daß der obere Balken den Himmel und der untere schräge Balken den Weg zur Hölle symbolisieren soll.

Auf der anderen Seite des Künstlermarktes ist die wiedereröffnete katholische Kirche. Zu Sowjetzeiten wurde die Kirche enteignet und als Sportakademie umgebaut. Zu den Umbauten zählen Zwischendecken, um mehrere Räume in normalen Höhenmaßen zu erhalten, und auch äußere Veränderungen. So wurden die beiden Türme abgetragen und Veränderungen an der Fassade vorgenommen. Der Charakter der Kirche verschwand. Die Kirche wurde vor etwa 10 Jahren an die katholische Kirche zurückgegeben. Inzwischen ist wieder der alte Zustand hergestellt. Der gottesdienstliche Betrieb ist seit ca. zwei Jahren wieder aufgenommen. Im Foyer gibt eine Bildtafel Einblick in die wechselhafte Geschichte der Kirche.

Im Weißrußlandführer ist auch eine Synagoge im Altstadtbereich eingezeichnet, von deren Existenz aber die Küster der bereits besuchten Kirchen nichts zu berichten wußten. Die vage Skizze veranlaßt uns, erst recht die Spur aufzunehmen und die Synagoge zu suchen. Da der Standort "Altstadt" uns auf der Suche nach der Synagoge auf eine falsche Spur brachte, verweilten wir für eine Kaffeepause hier. Von der Altstadt Minsk blieben nach dem zweiten Weltkrieg nur vier Häuser übrig, die den Kern (mit weiteren ca. 30 wiederaufgebauten Häusern) der jetzigen Altstadt ausmachen. Auch nach einem geöffneten Cafe mußten wir hier lange suchen - wurden aber schließlich fündig. Nach der Erfrischungspause studierten wir nochmals die Unterlagen und suchten in der Nähe erneut die Synagoge. Die Geduld hat sich gelohnt. Hinter einem großen, grünen Holzzaun befand sich ein recht unscheinbares Haus, das auch bald wieder einen Anstrich vertragen könnte. Wir öffneten langsam die Hoftür und schauten ins Innere des Hofes. Im Hof saß ein alter Mann mit Parka und Schildmütze gelangweilt auf einer Bank. Er sprang sofort auf, als wir den Hof betraten. Langsam gingen wir aufeinander zu. Mit einem lauten "Schalom" hieß er uns willkommen. Wir erwiderten den Friedensgruß und erfuhren, daß dies nur eine von mehreren Synagogen in Minsk ist. Wir befanden uns in der Hauptsynagoge. Viele jüdisch-orthodoxe Jugendliche sind hier zur Ausbildung im Jugendcamp. Wir wurden nach anfänglicher Skepsis eingeladen, auch in die Synagoge zu kommen. Hier sprachen wir vor allem mit einem britischen Jugendlichen in seiner Heimatsprache. Mit dem Mann (im Parka und Schildmütze), der so etwas wie ein Hausmeister zu sein schien, konnten wir uns nur notdürftig in Deutsch unterhalten.

Auf dem Programm stand auch ein Besuch der Berufsschule Nr. 114. Hier wurden wir empfangen von Direktor Alexander Jaromko. Es ist gerade eine Woche her, seit wir uns in Räbke (Deutschland) verabschiedet haben. Damals ging eine 14tägige Internationale Begegnung mit Berufsschülern zu Ende. Wegen der Sommerferien sind keine Schüler anzutreffen. Viele Räume werden gerade umgebaut und renoviert. Dennoch führte uns Alexander Jaromko gerne durch seine Schule. Zur Erinnerung an die Zeit in Deutschland wurde ein großer Bilderrahmen mit Fotos, die Einblick auf die unterschiedlichen Aktionen geben, überreicht. Des weiteren wurde ein Teil der Werkzeugsammlung der Kreishandwerkerschaft Braunschweig übergeben.

5) Letzter Tag in Minsk: Besuch der Sozial-ökologischen Union Tschernobyl, Tschernobyl-Museum, Tschernobyl- Kirche und Treffen mit der Lutherischen Gemeinde

Im Laufe der Reise werden wir nochmals für einen Kurzaufenthalt (Mittagessen) in Minsk sein. Jetzt aber beginnt unser letzter Tag während unseres viertägigen Minsk Aufenthaltes. Am Vormittag steht das Thema Tschernobyl im Rahmen eines Besuches bei der Sozialökologischen Union "Tschernobyl" auf dem Programm. Zunächst besuchen wir das Büro von Wasilij Jakowenko, weißrussischer Schriftsteller und Vorsitzender der weißrussischen Sozialökologischen Union "Tschernobyl". Dem Titel ist zu entnehmen, daß es auch eine Internationale Sozialökologische Union "Tschernobyl" gibt. In den Ländern Ukraine und Rußland gibt es weitere eigenständige Organisationen der Sozialökologischen Union.

Die weißrussische Sozialökologische Union "Tschernobyl" ist eine Dachorganisation, die z.Zt. ca. 20 eigenständige Organisationen beherbergt. So zum Beispiel die Minsker Organisation für Umsiedler "Schritte gegen Tschernobyl" unter Vorsitz von Raisa Malikowa. Die Sozialökologische Union Tschernobyl ist eine der ersten großen Organisationen, die sich nach der Tschernobyl-Katastrophe um die Aufklärung über die Folgen der Katastrophe, die Hilfe für die Opfer und die sozialökologisch-pädagogischen Konsequenzen bemüht. So gab die Union die Zeitschrift Nabat (Sturmglocke) heraus, die Fakten über die Folgen der Katastrophe bekanntgab, die von der Regierung verschleiert und verheimlicht wurden. Natürlich gingen mit der Herausgabe auch juristische und finanzielle Schwierigkeiten Hand in Hand, so daß jetzt nach ca. 3jährigem unregelmäßigem und kostenlosem Erscheinen die Zeitung nicht mehr gedruckt wird. Dafür werden verstärkt internationale Konferenzen zu unterschiedlichen Themen abgehalten und die Beiträge und Ergebnisse in Buchform festgehalten. Desweiteren organisiert die Union Kindererholung im In- und Ausland (soweit Spenden hierfür eingehen). Die Union unterhält Kontakte zu Schulen und Kindergärten, um ihr sozialökologisches Konzept vorzustellen und mit Hilfe der Pädagogen und Erzieher das Konzept umzusetzen.

Wasilij Jakowenko führt uns nach dem Empfang in seinem Büro zum Tschernobyl-Museum. Auf mehreren Etagen ist dieses Museum in unterschiedliche Bereiche eingeteilt. Ein großer Teil ist der Historie Weißrußlands gewidmet. Hier sieht man unterschiedliche Trachten, Schnitzereien aus Holz und Produkte aus Stroh. Gemälde und Fotos zeigen Kirchen, Personen und Gegenstände Weißrußlands. Heimatmuseum wäre eigentlich die richtige Bezeichnung für diese Abteilung. Eine andere Abteilung zeigt Gegenstände und Fotos, ähnlich wie in der vorangegangen Abteilung, jetzt aber speziell aus der weißrussischen Region um Tschernobyl. Diese Gegenstände wurden aus dem verstrahlten Gebiet geholt, um sie so vor der Vernichtung zu retten. Es sind Gegenstände des alltäglichen ländlichen Lebens. Oft sind sie mit einfachsten Mitteln selbstgemacht, wobei es die sprichwörtliche russische Improvisationskunst fertig bringt, auch Patronenhülsen und ähnliche Gegenstände des zweiten Weltkrieges als Material mit einzubeziehen. Dicke Baumstämme, die durch fachmännisches Ausbrennen große Bienenstöcke und Vorratsbehälter ergeben, werden ebenso gezeigt wie unterschiedliche Mühlen und Webstühle etc.. Weißrußland, als westlichster der ehemaligen Sowjetstaaten, hatte eine wechselhafte Geschichte, die auch einen starken westlichen Einfluß mit sich brachte. Dieser westliche Einfluß der Alltagsgegenstände ist deutlich zu erkennen. Dem Besucher drängt sich der Gedanke auf, welche Welten doch in unmittelbarer Nachbarschaft aufeinander prallten. Hier die ländliche Bevölkerung, die ihr Leben gestaltet wie fast im Mittelalter und ein paar Kilometer weiter ein modernes Kraftwerk aus dem Atomzeitalter. Die Verquickung miteinander ergibt ein groteskes Bild, denn das Atomkraftwerk hat vor allem den Menschen dieser Region großes Unglück gebracht, dessen Auswirkung noch viele Generationen zu spüren haben werden. Eine letzte Abteilung ist den Gemälden gewidmet, die der weißrussische Maler Viktor Shmatav (Initiator und Leiter des Tschernobyl-Museums) in der Tschernobyl-Region gemalt hat. Hier sieht man wunderschöne Landschaften aber auch vernagelte Häuser, die Beerdigung eines Hauses durch einen Bulldozer, Beerdigungszüge und sonstige Friedhofsszenen und alte Menschen, die traurig vor ihren Häusern sitzen.

Nach dem Museumsbesuch führt uns Wasilij Jakowenko zur neuen Tschernobyl-Kirche. Eine kleine, schöne, orthodoxe Kirche erwartet uns. Die Grundsteinlegung wurde von Präsident Lukaschenko vorgenommen - darüberhinaus ist sein Engagement für diese Kirche und die ursprünglich vorgesehene Pläne erloschen. Regelmäßig finden in dieser Kirche Gottesdienste und Messen statt. Allerdings findet nur eine kleine Gemeinde dort Platz. Es ist eine Gedenkkirche, die als ein Teil einer großen Anlage geplant war. Die Initiatoren (vor allem Liquitatoren und deren Angehörige) planten neben der kleinen Kirche (eher als Kapelle zu bezeichnen) noch eine große Kirche mit Gemeindezentrum, Altenheim etc. Für diese Planung gibt es allerdings kein Geld und keine Genehmigung. Das Problem "Tschernobyl" soll auch in dieser Form klein gehalten werden.

Am Nachmittag besuchen wir Olga Stockmann und die von ihr 1993 gegründete lutherische Gemeinde "Rettung". Das Treffen findet im IBB (Internationales Bildungs- und Begegnungszentrum) statt. Ein neuer, moderner Gebäudekomplex bietet Platz für Konferenzen, Begegnungen, Unterkunft und Restaurant und wurde vor wenigen Jahren vor allem durch deutsche Sponsoren gebaut. Hier waren wir schon zu Treffen bei vorangegangenen Besuchen. Hier fanden auch über einige Zeit die Gottesdienste der luth. Gemeinde statt. Im Konferenzraum ist es allerdings schwer, eine sakrale Atmosphäre zu schaffen, deshalb finden die Gottesdienste zur Zeit in einer der katholischen Kirchen in Minsk als ökumenische Gottesdienste statt. Langfristig soll aber auch eine eigene lutherische Kirche entstehen. Die ersten Entwürfe dafür sind bereits gemacht. Für das Treffen hat sich Olga Stockmann ein Thema ausgesucht, das die Gemeinde über die nächsten Monate begleiten soll: "Der christliche Glaube im Jahr 2000".
Der Vorschlag, zunächst eine Vorstellungsrunde zu machen, wird von allen Beteiligten begrüßt. Die 50 Personen teilen sich etwa in zwei gleichgroße deutsche und weißrussische Gruppen auf. Das Bedürfnis, von sich und der Vergangenheit zu berichten, ist besonders bei den Weißrussen groß. Trotz Ermahnung zur Kurzfassung reicht die Zeit nicht mehr, um das geplante Thema in Angriff zu nehmen. Die Wortbeiträge dieser intensiven und informativen Vorstellungsrunde werden von Nikolai Schoudako wie immer professionell ins Deutsche bzw. Russische übersetzt. Laut Programm ist unsere Zeit bereits abgelaufen (Wjatscheslaw Pleskatsch wartet schon im Botanischen Garten auf uns), denn es gibt für uns noch ein reichhaltiges Musikprogramm von den weißrussischen Gemeindegliedern (Berufs- und Hobbysängerinnen) und befreundeten Musikgruppen. Vor der Verabschiedung werden an Olga Stockmann für die lutherische Gemeinde 2.900,- DM für unterschiedliche Projekte der Gemeinde und Sachspenden (2 Gitarren, Spielzeug, Bücher und gebrauchte Kleidung) übergeben.

Auch der Abend ist mit Programm gefüllt. Wir besuchen ca. 40 km westlich von Minsk den Landwirt Alexander Swiridow mit Frau Swetlana und den Kindern Andrej (16 Jahre) und Veronika (11 Jahre).

Vor ca. 8 Jahren machte sich Alexander Swiridow mit seinem landwirtschaftlichen Betrieb selbständig. Alexander und Swetlana Swiridow kommen aus Familien enteigneter Bauern bzw. Großgrundbesitzer. Ihre Herzen schlagen für die Landwirtschaft und das läßt sie auch größere Probleme durchstehen. Die größten Probleme bilden die korrupten und eigenwilligen Behörden/Beamten. So war es sehr schwierig, die Baugenehmigung für die Entmistungsanlage des Schweinestalles zu erhalten, die Alexander Swiridow in Deutschland kennengelernt und von deren Effektivität er überzeugt war. Schließlich wurde ihm von den Behörden ein Kredit aufgezwungen, von dem er fast 50 % an die Beamten zahlen sollte. Er verweigerte den Kredit, darf aber keinen Kredit auf dem freien Markt annehmen, weil seine im Bau befindlichen Gebäude der staatlichen Kontrolle und Genehmigung unterliegen. Nach der Führung über das Gelände werden wir zum Essen eingeladen, obwohl wir versichern, daß wir vor der Abfahrt in Minsk unsere Mahlzeit bereits eingenommen haben. Swetlana Swiridow meint aber, es sei ohnehin nicht als "Essen" sondern nur als "Probieren/Kennenlernen" der weißrussischen Küche gedacht. Diese Einladung konnten wir natürlich nicht abschlagen. In ihrem noch nicht ganz fertiggestellten Wohnhaus findet die ganze Gruppe im zukünftigen Eßzimmer Platz. Es ist ein Abend mit einer sehr herzlichen Atmosphäre. Die weißrussiche Gastfreundschaft erhält hier ihr "Sahnehäubchen".

6) Humanitäre Hilfe für die Blindengesellschaft und für die Umsiedler; Abfahrt nach Polazk und Wizebsk:

Vor unserem Start nach Polazk wird der Bus weitgehend entladen. Einige Pakete mit Adressen sowie humanitäre Hilfe zur Weiterverteilung an die bedürftigen Menschen im Einzugsbereich der Blindengesellschaft und Medikamente für die Ambulanz des Minsker Betriebes der Blindengesellschaft werden ins Verwaltungsgebäude der Blindengesellschaft gebracht. Hier im verschlossen Raum warten die Güter, bis Wjatscheslaw Pleskatsch von der Begegnungsreise mit uns zurückkommt. Dann wird er die Spenden verteilen, soweit sie nicht schon vorher abgeholt wurden. An Raisa Malikowa (Vorsitzende der Umsiedler) wurden bereits am Vortag Honig und Pflanzenöl übergeben.

Anschließend fahren wir ca. 250 km nördlich durch Heide-, Wald- und Seenlandschaft nach Polazk, eine der ehemaligen Hauptstädte Weißrußlands. Hier werden wir von der Direktorin des Betriebes der Blindengesellschaft empfangen und zum Mittagessen in ein Hotel geführt. Anschließend besichtigen wir die erste Kirche Weißrußlands: die Sophienkirche. Die Kirche wurde im 11. Jahrhundert gebaut (zusammen mit zwei weiteren Sophienkirchen in Nowgorod und Kiew), als Vorbild diente die Hagia Sofia in Konstantinopel (Istanbul). Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche während des Krieges zerstört und in völlig anderem Stil neu erbaut. Eine sehr schöne Kirche, die heute für Konzerte und als Museum genutzt wird. Praktisch sind die Sitzbänke, mit flexibler Rückenlehne so das man mit einem Handgriff die Blickrichtung ändern kann: Entweder zum Podium oder zur Orgel. Die Geschichte der Kirche wird uns im ehemaligen Gottesdienstraum, aber auch im Keller, der als Museum dient, erläutert. Nach der Führung hören wir ein sehr schönes Orgelkonzert. Weiter geht es dann zum Frauenkloster in Polazk, das von Jephrasinia Polazk gegründet wurde. Eine Novizin berichtet von der Entstehung des Klosters in vielen Details. Die Besichtigung der beiden Kirchen findet statt trotz stattfindenden Gottesdiensten bzw. Messen. Die Stadt Polazk bietet noch viele Sehenswürdigkeiten aber unser Tagesziel heißt Wizebsk und das bedeutet noch einmal ca. 150 km Fahrt.

Am Stadtrand von Wizebsk werden wir bereits von dem Leiter der regionalen Blindengesellschaft und dem Direktor eines der beiden Betriebe der Blindengesellschaft erwartet und zum Hotel geführt. Das Abendessen findet in "Neu-weißrussischer Atmosphäre" statt. Eine Band spielt hier im Restaurant des Hotels laute, moderne Musik, die hin und wieder zum Tanz auffordert. Die Musik scheint wichtiger als die Musiker zu sein, denn die Musiker verharren in einer schummerigen Ecke.

Den freien Abend nutzen einige zum Spaziergang in Richtung Stadtmitte. Hier ist ein Jahrmarkt, der dem unsrigen durchaus ähnelt: Karussell, Geisterbahn, Autoscooter und diverse, schnelldrehende Geräte, die Astronautenluft schnuppern lassen. Ungewöhnlich die Kasse in der Mitte des Platzes. Hier wird für jede Aktion bezahlt, und man erhält dafür einen Bon. 200 000 Rubel kostet die Fahrt mit dem Autoscooter und einige andere Attraktionen. Umgerechtnet sind das etwa 1,20 DM. Für hiesige Verhältnisse ist das viel Geld. Trotzdem ist überall viel Betrieb.

7) Wizebsk:

Nach dem Frühstück erwartet uns Leonid Juljewitch Zwiki (Pfarrer der hiesigen lutherischen Kirche) im Foyer des Hotels. Er berichtet, daß bereits im 1. Weltkrieg die lutherische Kirche in Wizebsk zerstört wurde, und es seither keine lutherische Gemeinde mehr gibt. Vor 5 Jahren hatten fast zeitgleich 3 Menschen in Weißrußland eine Vision, die besagte, sie sollten eine lutherische Kirche gründen. Dies war Olga Stockmann in Minsk, ein Mann in Hrodno und er in Wizebsk. Er war früher Journalist und ließ sich, frisch in den Ruhestand versetzt, in St. Petersburg zum Pfarrer ausbilden. Die Ausbildung ist noch nicht ganz zu Ende aber er leitet die inzwischen 30 Mitglieder zählende Gemeinde. Zunächst trafen sie sich in einer Musikschule. Das wurde ihnen aber später verboten. Dann trafen sie sich in einem anderen öffentlichen Gebäude, was ihnen dann auch schon bald untersagt wurde. Zur Zeit versammeln sie sich in einer Fabrikhalle. Dies kann natürlich kein Dauerzustand sein. So werden auch Pläne geschmiedet, um eine Kirche zu bauen. Auf dem Platz, wo einst die Kirche stand, ist jetzt die Fabrik der Blindengesellschaft. Der Platz, wo zukünftig die Kirche stehen wird, ist genau gegenüber unserem Hotel. Vor kurzem war im Beisein von Bischof Kretschmar die Grundsteinlegung, der Grundstein/Eckstein ist mehr ein symbolischer Stein. Bischof Kretschmar ist zuständig für die ELKRAS (Evangelische Kirche Rußlands und anderen russischen Staaten). Wie es weitergeht mit dem Kirchenbau, hängt vom Spendenfluß der Gemeindemitglieder oder von einem Wunder Gottes ab, sagt Leonid Zwiki.
Leonid Zwiki berichtet auch, daß ein Schwerpunkt seiner Arbeit in diakonischen Aufgaben liegt. So kümmere er sich sehr um Kinder von alkoholkranken Eltern. Seiner Meinung nach ist die Problematik des Alkoholismus ebenso schwerwiegend, wie die Tschernobylfolgen. Er berichtet, daß dieser nördliche Landstrich 1986 von "der schwarzen Wolke" verschont blieb. Inzwischen sind aber auch hier die Tschernobyl-Folgen stark zu spüren. Der Norden Weißrußlands ist zwar nicht durch die unmittelbaren Folgen der Katastrophe belastet - sehr wohl aber von den indirekten. Durch den landesweit üblichen Lebensmittelaustausch kommen nun bestrahlte Lebensmittel in den Norden, wovon dann auch wieder hauptsächlich die Kinder betroffen sind. Da bei den Kindern die Zellteilung häufiger als bei Erwachsenen stattfindet, vermehren sich auch kranke Zellen schneller. Jedes Kind in Weißrußland, das an Krebs erkrankt, ist automatisch ein sogenanntes Tschernobyl-Kind mit allen Rechten der Erholung und medizinischen Versorgung - soweit die Gelder hierfür vorhanden sind.

Leonid Zwiki begleitet uns anschließend bei unserer Stadtrundfahrt. Auf dem Weg sind viele Kirchen unterschiedlicher Religionen zu sehen. Am Rathaus überrascht uns das Wappen der Stadt. Ein Männerprofil mit langen Haaren, das sofort Jesus assoziieren läßt. Das Schwert unten quer im Wappen scheint ein Widerspruch zu sein. Leonid Zwiki erklärt das Jesusbild im Wappen damit, daß Wizebsk schon immer eine sehr religiöse Stadt war. Das Schwert symbolisiert nach seiner Meinung das scharfe Wort Gottes. Am Abend hören wir noch eine andere Version der Erklärung des Stadtwappens. Das Männerbildnis ist ein unbekannter Ritter, das Schwert symbolisiert die übliche Verteidigungsbereitschaft. Was stimmt nun von beiden Versionen? Vielleicht beide gleichzeitig? Unsere Dolmetscherin findet in einem der Bücher, die wir bekommen haben, die offizielle Erklärung:

Ausschnitt aus der Enzyklopädie über Witebsk:
Das Wappen wurde am 17.03.1597 nach dem Magdeburger Recht im Einverständnis Sigismunds III von Wasa eingeführt:
" Auf hellem Hintergrund ist das Abbild des Heilands Jesus Christus und darunter ein gezogenes rotes (was als blutig zu verstehen ist) Schwert....."
Die Vereinigung des Heilands und dem Schwert auf dem Wappen läßt sich aus der geographischen Lage von Wizebsk erklären, auf der einen Seite als Stadt Weißrußlands, die früher als die anderen westlichen Regionen des Litowsker Fürstentums christianisiert wurde; auf der anderen Seite hatte sie Bedeutung in der Verteidigung der östlichen Grenzen des Landes.

Wizebsk ist eine sehr schöne Stadt mit einer großen restaurierten Altstadt. Marc Chagall, über Jahrzehnte ein aus politischen Gründen totgeschwiegener Bürger der Stadt, führt sie nun zu neuem Ruhm. Das Geburtshaus wurde wieder aufgebaut und die Straße vor dem Haus so gepflastert wie zu der Zeit, als er lebte. Geplant ist, den ganzen Straßenzug und das Häuserensemble wieder so herzustellen wie es zu Lebzeiten Chagalls war. Hier hilft vor allem ein Chagall-Freundeskreis aus Nienburg. Seit die Stadt den Juden Chagall nicht mehr verheimlichen muß, hat sie Zulauf aus der ganzen Welt. Ein Chagallmuseum ist seit einigen Jahren natürlich auch zu finden. War hier zu Zeiten der Eröffnung neben vielen Kopien nur 1 Original des Meisters, so hat sich die Zahl der Originale inzwischen durch Spenden aus aller Welt erfreulich erhöht.

Am Nachmittag besichtigen wir eine der beiden Fabriken der hiesigen Blindengesellschaft. Hier werden Schnürsenkel und unterschiedliche Elektroartikel (Schalter, Klingeln, Feuchtraum- und Außenlampen) produziert. Leider wird dieser Betrieb mit soviel Auflagen und Steuern belastet, daß er nicht den notwendigen Gewinn abwirft, um Renovierungsmaßnahmen an den Gebäuden durchzuführen zu können.

Der Abend steht wieder ganz unter dem Zeichen weißrussischer Gastfreundschaft. Nach dem Toast des blinden Direktors Wladimir Piskunovitsch läßt dieser weißrussische Wimpel und Strohkörbchen als Souvenir verteilen.
Am nächsten Morgen begleitet uns Konstantin (der Direktor des zweiten Vitebsker Betriebes der Blindengesellschaft) bis zur Bezirksgrenze. Hier verabschiedet er sich dann mit einem kleinen Sektumtrunk im Bus.

8) Mir, Nawahrudok und Hrodno:

Der Weg von Minsk nach Hrodno führte uns noch an zwei Sehenswürdigkeiten vorbei. Die erste Sehenswürdigkeit ist das kleine Städtchen mit der Festung mit dem schönen Namen Mir (Frieden). Diese Festung gehört zum Schloß Njeswisch, das sich in ca. 30 km Entfernung befindet. Dort residierte in der Vergangenheit die Fürstenfamilie Radzivil. Die Festung Mir ist zum größten Teil in den letzten Jahren renoviert worden.

Wir setzen die Reise fort und machen kurze Station bei der nächsten Sehenswürdigkeit: Nawahrudok.
Nawahrudok war in der wechselhaften Geschichte Weißrußlands zeitweise Hauptstadt. Ganz in der Nähe der Schloßruine ist der höchste Punkt Weißrußlands zu finden. Von hier aus sieht man auf die Stadt. Ganz in der Nähe der Schloßruine ist die katholische Kirche zu finden.

In Hrodno ist unser Quartier das Hotel Tourist. Hier werden wir von der Direktorin der Blindengesellschaft für das Hrodnoer Gebiet und dem stellvertretenden Direktor für soziale Fragen der Blindengesellschaft begrüßt. Beide sind für die Zeit in Hrodno unsere Begleiter. Das Hotel ist unser bestes Quartier im Verlaufe dieser Reise. Zum Essen fahren wir in den Betrieb der Blindengesellschaft am Rande des Stadtzentrums. Hier ist die Mensa für bestimmte Zeiten gleichzeitig auch eine öffentliche Gaststätte. Für unseren Busfahrer ist dies eine schlechte Lösung, denn nach den 600 km Tagesleistung hätte er nach Ankunft in Hrodno seinen Feierabend redlich verdient. Leider mußte er uns nun noch zum Essen und danach wieder ins Hotel bringen. Beim Abendbrot verkündet die Direktorin das Programm für den nächsten Tag. Wir haben uns für den sonntäglichen Gottesdienst bei der lutherischen Gemeinde angemeldet. Jetzt beim Abendbrot wird berichtet, daß die Gemeinde zur Zeit keinen Pastor hat und daß die Gemeinde von uns erwartet, daß wir den Gottesdienst gestalten.

Ingeborg Bechstedt und Paul Koch, sind auf verschiedene Varianten vorbereitet und sprechen sie noch am Abend durch. Wir wissen nicht genau, ob nur Begrüßung, Predigt und Gebet oder ob der ganze Gottesdienstablauf von uns erwartet wird. Die zwei vorbereiteten Varianten wollen wir dann vor dem Gottesdienst mit den Verantwortlichen der Gemeinde absprechen.
Leider kommt es am nächsten Morgen zu Mißverständnissen bezüglich der Abfahrt, und so verspäten wir uns so, daß der Gottesdienst bereits begonnen hat. Wir betreten die Kirche, das einzige lutherische Kirchengebäude, das derzeit auf Weißrußlands Boden steht. Die 1912 erbaute Kirche wurde in der Sowjetzeit nach der Enteignung als Archiv und Bibliothek genutzt. Die Orgel wurde entfernt, große Regale an die Wand geschraubt - ansonsten wurden weder außen noch innen größere Veränderungen vorgenommen. Allerdings wurden auch über Jahrzehnte keinerlei gebäudeerhaltende Maßnahmen ergriffen. Entsprechend sieht die inzwischen denkmalgeschützte Kirche aus. Es gibt viel zu tun. Der Innenraum wurde durch die Partnerschaft mit einer Rostocker Gemeinde schon renoviert.
Als wir die Kirche betreten, ist die Gemeinde in den Eingangschoral vertieft. Eine anheimelnde Atmosphäre wird durch den Gesang verbreitet. Nach einer kurzen Besprechung gestalten wir als Gäste den Gottesdienst. Nach dem deutsch-weißrussischen Gottesdienst führen wir an Ort und Stelle Gespräche zum gegenseitigen Kennenlernen. Wir werden eingeladen bei einem zukünftigen Besuch auch die Gemeinde wieder zu besuchen. "Wenn alle deutschen Hrodno-Besucher die Gemeinde besuchen würden, wäre unsere Gemeindesituation viel besser" kommentiert ein Gemeindemitglied. Ein anderes Gemeindemitglied berichtet, daß sie nur selten Besuch von einem Pastor haben. Sie hatten für ein Vierteljahr einen deutschen Pastor. In der Zeit wurde die Kirche und die kirchlichen Veranstaltungen gut besucht. Nachdem das Visum abgelaufen und der Pastor wieder nach Deutschland fuhr, ging auch das Gemeindeleben wieder zurück auf die Kerngemeinde. Der größte Wunsch dieser Gemeinde ist ein Pastor - und wenn es wieder nur für ein Vierteljahr ist.

Obwohl wir uns erst seit gut einer Stunde kennen, bleibt die Gemeinde am Bus, bis wir die Reise fortsetzen. Sie winken uns nach, als wenn wir alte Bekannte wären. Von der Kirche aus fahren wir in eine kleine Galerie. Die Bilder, vorwiegend weißrussische Landschaftsmotive, sind Nebensache. Wir werden erwartet von der kleinen Gruppe die "Jungen Talente". Die kleine Auswahl des Kinderorchesters bietet vor allem klassische Musik. Neben unserer Gruppe ist auch eine polnische Delegation anwesend. Durch das Grußwort eines Vertreters der polnischen Gruppe am Ende des kurzen Konzertes wird deutlich, daß die Polen dieses Kinderorchester schon seit einiger Zeit unterstützen. Der Redner überreicht am Ende seines Grußwortes einige Kostüme für die Orchestermitglieder. Hrodno als Grenzstadt zu Polen und in der Vergangenheit auch schon mal auf polnischen Gebiet liegend, unterhält offensichtlich sehr gute Kontakte nach Polen. Das Grußwort läßt auf eine lange, unterstützende Freundschaft schließen.

Der nächste Programmpunkt ist eine Schiffsfahrt auf dem Njeman (Memel). Die zweistündige Bootsfahrt ist geprägt von weißrussischer Folklore. Das Kulturzentrum der hiesigen Blindengesellschaft gestaltet zunächst ein etwa eineinhalbstündiges Programm. In unterschiedlichster Besetzung werden Lieder mit Akkordeonbegleitung vorgetragen. Nach dem offiziellen Programm wird vor allem vom Akkordeonspieler und einigen Gruppenmitgliedern ein Tanzprogramm improvisiert. Ein herrlicher Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein ist mit dieser Schiffsfahrt eingeläutet.

Nach der Schiffahrt und dem Mittagessen steht die Stadtbesichtigung an. Hrodno (übersetzt: Garten) hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten. Viele Kirchen, Synagogen, Schlösser und sonstige öffentliche Gebäude bestimmen das Stadtbild. Eine relativ neue Tafel erinnert an einer Straßenecke an das jüdische Ghetto in Hrodno.

Zum Abendbrot geht es wieder an das Ufer des Njeman. Hier befindet sich das Freizeitgelände der Hrodnoer Blindengesellschaft. Auf der Veranda des Haupgebäudes ist eine Festtafel vorbereitet.

9) Hrodno, Belaweschskaja Puschtscha (Urwald) und Brest:

Von der Mensa des Betriebes der Hrodnoer Blindengesellschaft geht es direkt in den angrenzenden Betrieb. Wir besichtigen die Produktionsstätte. Hier werden Filter für PKWs und LKWs hergestellt. Zur Zeit steht die Produktion in dieser Abteilung still, da kein Geld für das Spezialpapier vorhanden ist. Durch die schlechte, wirtschaftliche Lage erhalten die Arbeiter z. Zeit nur 75 % ihres Lohnes ausbezahlt.
Nach der Betriebsbesichtigung besuchen wir die Ambulanz des Betriebes. Mehrere medizinische Fachabteilungen sind vorhanden (Allgemein-, Zahn - und Augenmedizin). Die Untersuchungen und Behandlungen sind nicht auf Betriebsangehörige beschränkt. Die verordnete Medizin besorgt sich der Patient in der Apotheke, sofern das Medikament zur Verfügung steht und bezahlbar ist. Die Medikamentenspenden, die von der Reisegruppe übergeben wurden, können den Patienten nun (solange der Vorrat reicht) kostenlos verabreicht werden.

Die Weiterreise in Richtung Brest ähnelt der Abreise von Wizebsk. Unsere Gastgeber fahren bis zur Bezirksgrenze und verabschieden sich dort mit herzlichen Worten. Den Abschiedssekt "müssen" wir nicht gleich trinken, sondern bekommen ihn für die Ankunft in Brest mit.

Nächstes Ziel ist die Belaweschskaja Puschtscha.

Belaweschskaja Puschtscha (Bedeutung des Namens: Beloj weschi = Wachturm; Puschtscha = dichter Wald; in Kurzform spricht man häufig von "Urwald") erreichen wir etwas verspätet.

übersetzung aus einem Prospekt zu Belaweschskaja Puschtscha:

Seit achthundert Jahren steht am Fluß Lesnaja ein hoher mit Zacken versehener Turm, der von unseren Vorfahren errichtet wurde. Von diesem Wachturm (weißruss. Beloj weschi) hat nach einer der Legenden der Urwald Belaweschskaja, ein riesiges Naturschutzgebiet, das sich im Südwesten Weißrußlands befindet, seinen Namen.

Nach dem Mittagessen besuchen wir das Urwaldmuseum, in dem ausgestopfte Wisente, Bären und andere Tierarten dieses Urwaldes zu sehen sind. Anschließend fahren wir mit einer vom Museum angestellten Wissenschaftlerin ca. 50 km durch den Urwald. Leider sehen wir dort keine Tiere, sondern nur Wald, Wiesen und Seen. Der Urwald befindet sich in unmittelbarem Grenzgebiet zu Polen. Auf polnischer Seite ist ebenfalls Urwald. Allerdings ist der polnische Urwald kleiner als der weißrussische. In der Mitte der Urwaldrundfahrt machen wir einen Stop, um Wiskuli, den Sommersitz des weißrussischen Präsidenten (leider nur von außen) zu besichtigen. Hier in Wiskuli, das zu Chruschtschov Zeiten erbaut wurde, wurde der GUS-Vertrag zwischen Rußland, Weißrußland und der Ukraine unterschrieben, der das Ende der Sowjetunion besiegelte. Vor Verlassen des Urwaldes machen wir einen kurzen Halt an den Gehegen. Hier sehen wir nun endlich auch einen leibhaftiges Wisent.

Im Hotel Belarus in Brest erwarten uns bereits Birgit Höhmann und Volker Bechstedt, die von ihrem Arbeitseinsatz in Nadeshda gekommen sind (siehe sep. Bericht) und mit uns mit dem Bus nach Hause fahren. Der nächste Vormittag ist für Stadtbummel und individuelle Stadtbesichtigung freigehalten. Für eine kleine Gruppe, die das erste Mal in Brest ist, wird eine Fahrt zur Festung (einem Wahrzeichen von Brest) organisiert.
Nach dem Mittagessen begleitet uns Jurij Weresotzki (Direktor des Brester Betriebes der Blindengesellschaft) bis zur Grenze und durch die verschiedenen Stationen der Grenzkontrollen mit entsprechenden Begleitpapieren der humanitären Hilfe. An anderen Fahrzeugen und Bussen fahren wir vorbei und haben bereits in 1 3/4 Stunden die einzelnen Grenzstationen durchlaufen.

Die Fahrt durch Polen nimmt den restlichen Tag in Anspruch. Etwa zwei Stunden vor der Grenze starren wir gespannt auf die Borduhr.
Burkhard, unser Busfahrer hält Ausschau nach einer Parklücke. Um 00.00 Uhr versammeln sich alle um unseren ältesten Reiseteilnehmer: Wilhelm Falke. Wilhelm Falke schläft. Leise beginnt die Gruppe zu singen "Wie schön, daß Du geboren bist" und "Viel Glück und viel Segen". Wilhelm Falke wird singender Weise pünktlich zu seinem Geburtstag geweckt. Inzwischen hat Burkhard eine Bushaltestelle gefunden und Wilhelm Falke hatte zu diesem Anlaß bereits 3 Flaschen russischen Sekt organisiert, den wir nun um Mitternacht in einer polnischen Bushaltestelle auf sein Wohl trinken. Wilhelm ist überwältigt: Das ist die schönste (zumindest ungewöhnlichste!) Geburtstagsfeier meines Lebens.

Die nächste Grenze (die polnisch - deutsche) erwartet uns mit einer ungewöhnlichen Situation. Ca. 8 Busse stehen in der Busspur. LKW´s und PKW´s werden zügig abgefertigt, nur bei den Bussen passiert nichts. 5 1/2 Stunden brauchen wir bis zur Abfertigung. Die dauert dann bei den Polen und bei den Deutschen nur 1 Minute. Des Rätsels Lösung der langen Wartezeit liegt darin, daß die Grenzstelle ganz auf Computer umgestellt hat. Die polnischen und russischen Reisepässe sind noch nicht computerlesbar. So müssen die Daten alle per Hand eingegeben werden. Dies dauert natürlich seine Zeit bei einer durchschnittlichen Busbesatzung von 40-50 Personen. Unsere Daten wurden allerdings überhaupt nicht erfaßt. Es wurde nur gefragt, ob wir ausschließlich Deutsche im Bus wären. Durch den unerwarteten Aufenthalt geriet der Zeitplan ganz und gar durcheinander. Der zweite Busfahrer übernahm den Bus nach ein paar Stunden Wartezeit in Berlin.
Ingeborg Bechstedt und Erika Mohs nutzen die letzten Stunden im Bus, um ein Lied auf die Gruppe zu dichten, in dem jeder einzeln genannt und mit einem Vers bedacht wird.

Mit vielen neuen Eindrücken und neugewonnenen Freunden wird die Begegnungsfahrt um 13.00 Uhr beendet. Die Handwerker kommen eine Woche später mit dem Zug und werden auch viel zu berichten haben. (Siehe separate Berichte.)

10) Berichte von den Arbeitseinsätzen der Handwerker und Berichte (Gedankensplitter) der Teilnehmer

Kurzbericht von Günter Menzel Handwerkereinsatz im Erholungszentrum Nadeshda

Nach einigen Vorbereitungen insbesondere der Beschaffung von Materialien (Leim und Schrauben) starteten wir mit dem nötigen Werkzeug, den restlichen Metallverbindungen und dem Bus der Reisegruppe zum Arbeitseinsatz nach Nadeshda.
Am Montag, den 26.07.99, konnten wir gleich nach einem kurzen Gespräch mit der Leiterin des Inneren Dienstes, Frau Valentina Ratnikova, mit den uns vertrauten Reparaturen an den Bettgestellen beginnen.

Für unsere Arbeiten waren im Vorfeld schon eine Menge Leisten zur Reparatur der Lattenroste zugeschnitten und viele Holzdübel von dem Haustischler sehr gut vorbereitet. Hier möchte ich ein großes Dankeschön für die vorbereiteten Arbeiten und die Hilfsbereitschaft während unserer gemeinsamen Arbeit aussprechen.
Die Bettgestelle kamen in die Werkstatt teilweise mit gebrochenen bzw. gespaltenen Seitenteilen, zerbrochenen Lattenrosten, und viele Zapf- und Leimverbindungen waren auseinander. Weggeworfen wurde und durfte kein Teil aus den Bettgestellen, auch wenn es noch so gespalten war. Mit viel Kleinarbeit und dem nötigen Fingerspitzengefühl wurde wieder ein Bett daraus.
In den neun Tagen haben wir 22 Doppelbetten (Hochbetten) reparieren können. Leider wurden nur neun Arbeitstage trotz des 14tägigen Aufenthaltes für Reparaturen an den Bettgestellen genutzt.
Ein weiterer Einsatz von Handwerkern und Material (Beschlägen sowie Schrauben) wäre für das Kinderzentrum und letztlich für die Kinder sehr wünschenswert.

Zum Schluß möchte ich noch ein herzliches Dankeschön an Frau Walentina Ratnikowa, der Leiterin des Inneren Dienstes, aussprechen, die uns bei allen Fragen immer sehr behilflich war.

Bericht von Birgit Hömann und Volker Bechstedt Schwimm-Therapie im Erholungszentrum Nadeshda

Am 23.7.99 fuhren wir mit der Tschernobyl-Initiative und einigen Handwerkern zu einem Arbeitseinsatz nach Nadeshda. Wir hatten die Idee, den Wilejka-See für eine Schwimm- und Bewegungstherapie mit den anwesenden Kindern spielerisch zu nutzen. Durch eine großzügige Spende waren wir in der Lage ausreichendes Hilfsmittel für die Schwimmtherapie zu kaufen und mitzunehmen. Dazu kamen noch Spenden wie Wasserbälle, Schwimmhilfen usw.

Wir konnten pro Tag mit 4 Gruppen á 20-24 Kinder arbeiten, 2 Gruppen vormittags und 2 Gruppen nachmittags. Leider waren wir aber etwas vom Wetter abhängig. Bei einem leichten Wind konnten wir die Kinder nur 10 Minuten im Wasser lassen, um sie danach zum Aufwärmen an Land zu holen, wo wir mit ihnen Ball- und Bewegungsspiele machten. Es machte den Kindern mit den Nudeln und Brettern viel Spaß im Wasser zu spielen. Wir konnten feststellen, daß durch die Spieltherapie die Kinder die Scheu vor dem Wasser verloren. Sie bemerkten, daß das Wasser sie trägt, und durch die gute Anleitung von Frau Birgit Hömann waren sie sicherer und freier in ihren Bewegungen. Besonders freute es uns, daß die Sportlehrerin (Oksana) des Kinderzentrums alle Übungen mitgelernt hat. So ist sie nun in der Lage, unsere Arbeit weiterzuführen. Es ist schade, daß kein Schwimmbecken zur Verfügung steht. Man könnte noch viel intensiver und vielfältiger mit den Kindern arbeiten und das ganze Jahr über mit allen Kindern.

Besonders möchte ich der Stadt Vellmar im Namen der Kinder von Nadeshda danken, daß sie Frau Hömann für diese wichtige Arbeit freigestellt hat.
Unserer Dolmetscherin, Inna Kosanowa, auf diesem Weg herzlichsten Dank für ihren selbstlosen Einsatz.

Bericht von Kai Boever EDV-Arbeitseinsatz, Minsk

Während des Arbeitseinsatzes selbst wurden eine Reihe von Arbeiten in Zusammenarbeit mit der Weißrussischen Blindengesellschaft in Minsk, dort besonders mit Pavel (EDV Kulturzentrum) und Sergej Ratnickov (EDV Blindengesellschaft) durchgeführt. Zunächst einmal wurde über eine engere Zusammenarbeit auf dem Gebiet Internet und EDV gesprochen. Dazu wollen als erster Schritt beide Partner Links (Verweise) zu den Internetseiten des jeweils anderen einrichten. Weiterhin will man in der Zukunft einen Erfahrungs- und Informationsaustausch zwischen den für die Internetseiten zuständigen Mitarbeitern auf beiden Seiten durchführen.

Ein weiterer Punkt der Zusammenarbeit mit Minsk waren auch Gespräche über einen von der Blindengesellschaft geplanten Internetkatalog mit den Produkten der verschiedenen Werke der Blindengesellschaft. Der Katalog soll zum einen über die Arbeit der einzelnen Werke der Blindengesellschaft berichten und zum anderen auch den Absatz der Produkte verbessern. Auf weißrussischer Seite arbeitet Sergej Ratnickow an dem Katalog. Voraussichtlich wird der Katalog bis Ende des Jahres fertiggestellt sein. Wir werden dann in der Tschernobyl-Initiative ein Exemplar des Katalogs bekommen.
Weiter hat Serge Ratnickow die Bitte um Informationen über Computersysteme für Blinde, Ausbildungssysteme für Blinde und die Arbeit von Blindenvereinigungen in Deutschland geäußert. Zwar war es nicht möglich, vor Ort umfassende Informationen zu beschaffen, aber es wurde vereinbart die Informationen so schnell wie möglich in Deutschland zu organisieren und per e-mail nach Minsk zu schicken. Die ersten Informationen sind bereits unmittelbar nach der Ankunft in Deutschland nach Minsk gesendet worden. Weiterhin wurden einige Arbeiten zur Konfiguration von Computerprogrammen und Computersystemen durchgeführt.
Für die Zukunft sollte die Zusammenarbeit zwischen der Internetgruppe der Tschernobyl-Initiative und den EDV-Mitarbeitern der Weißrussischen Blindengesellschaft verstärkt werden.

Neben diesen Arbeiten in Zusammenarbeit mir der Blindengesellschaft wurden auch Vorbereitungsarbeiten für das Projekt "virtuelle Weißrußlandfahrt" der Tschernobyl-Initiative durchgeführt. Ziel dieses Projektes ist es, umfassende Informationen über das Land Weißrußland und über die Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe in Form einer virtuellen Rundreise im Internet zu veröffentlichen. Mit den Programmierarbeiten soll am Wochenende vom 05.11. bis 07.11.1999 im Propsteijugendzentrum in Seinstedt begonnen werden. Es wurden in den Städten Minsk, Wizebsk, Hrodno und Brest eine Reihe von Fotos aufgenommen und Informationen über diese Städte gesammelt.

Bericht (Gedankensplitter) von Mathilde Wormslev, Reisegruppe

Begegnungen:

Auf Reisen ins Ausland ist mir immer wichtig, besonders, wenn ich die Sprache nicht spreche, auf irgendeine Weise Kontakt mit Menschen aufzunehmen. Da erhalte ich ein Lächeln, wenn ich die entsprechende Vokabel für "danke" und "bitte" etc. anwende oder einfach meine Hand auf den Arm lege. Gerade auf dieser Reise war mir das wichtig, da mich besonders die Begegnung mit Arbeiterinnen sehr bewegte.

Sie stand an der lauten Maschine und stellte Teile für Steckdosen her. Nicht in Gesundheits- und Sicherheitsschuhen, in Hausschuhen. Die Ohren nicht geschützt, weil die notwendige Lautstärke nicht erreicht sei. 8 Stunden, eine halbe Stunde Pause; wenn sie austreten muß, kommt eine Vertretung. Leider habe ich nur zwei Kokosriegel in der Tasche. Ich möchte ihr kein Almosen geben, sondern ihr zeigen, daß ich an sie denke. So streife ich das Papier halb herunter und reiche es ihr. Ein Lächeln, das mir fast peinlich ist.

Wir sitzen beim Essen, der Tisch biegt sich. Draußen geht eine alte, schlecht gekleidete Frau vorbei und sucht in den Papierkörben. Ich möchte aufstehen und sie hereinholen.

Wir sind eingeladen bei zwei Familien. Die charmante Frau von Wjatscheslaw ist Buchhalterin und hat für uns gekocht. Mehrere Gänge, ich kenne das von vorherigen Rußlandbesuchen. Swetlana, die Bauersfrau die sich mit ihrer Familie unter schwierigsten Bedingungen eine neue Existenz aufbaut. Stets lächelnd, aber blaß, zwei schulpflichtige Kinder und seit Jahren in einem Provisorium lebend. Mich beschämt es, und ich spreche einen Toast auf die tüchtigen, belarussischen Frauen aus. Es muß leider alles übersetzt werden, aber die herzliche Umarmung zum Abschied ist ein kleines Zeichen der Anerkennung und Dankbarkeit unsererseits.

Alexander Swiridow traf ich zum ersten Mal im Büro der Männerarbeit. Jetzt nach mehreren Jahren besichtigen wir seinen Betrieb im Aufbau (s. allgem. Bericht). Ein ernster, stiller Mann mit feinem Gesicht. Er hat sich viel vorgenommen, hoffentlich hält er durch.

Begegnungen mit Menschen aus den lutherischen Gemeinden:
Wir fliegen für eine kurze Zeit ein, hören uns ihre Geschichte, ihre persönlichen Schicksale an, sind bewegt und fahren wieder ab. Mich kann nur beruhigen, daß wir unsere Solidarität zeigen, daß wir ihnen ein bißchen Abwechslung und Freude in ihren Alltag bringen, daß vielleicht ein Briefwechsel entsteht.

Während der Begegnung mit Frau Stockmann fotografiert ein Mann mittleren Alters. Bei der Vorstellung sagt er, er gehöre nicht zur Gemeinde. Er erwähnt u.a., daß er im Chor singt. Ich spreche ihn darauf hin an, wir versuchen es in Englisch, und er antwortet als "bekennender Atheist": "Wo war Gott in den letzten Kriegen?" Meine Antwort, daß sich wohl die Menschen von Gott entfernt hätten, macht ihn nachdenklich.

Liest man die Geschichte von Belarus, so ist es fast wie Polen von einer Hand in die andere gegangen. Es muß seine Eigenständigkeit finden, wozu die jetzige Regierung nicht gerade förderlich ist. Aber unsere Besuche sind wichtig!

Ein älterer Teilnehmer der Reisegruppe war im Krieg als Soldat in Weißrußland. Er sucht den "Kessel", die "Rollbahn&":, er hat 30 Jahre nicht über die Toten reden können, er hat geträumt. " Niemand will das doch noch hören!" Er reist privat in die Gegend, aber findet fast nichts mehr. "Kannst Du jetzt Ruhe finden?" frage ich ihn. Wie ihm geht es vielen, sie schleppen ein Trauma mit sich herum.

Bericht von Fritz Schulz Eine Reise nach Weißrußland im Schatten deutscher Vergangenheit

Bisher hatten mich Reisen stets in den Westen geführt, mit einer Ausnahme. 1983 erkundete ich mit dem Auto das ehemalige südliche Ostpreußen (Rastenburg, Allenstein, Nikolaiken, etc.), das Land, in dem ich geboren wurde.Trotz einiger organisatorischer Pannen kehrte ich freudig gestimmt zurück, überwältigt von der Schönheit des Landes, von der Freundlichkeit, der Unvoreingenommenheit und der beispielhaften Gastfreundschaft seiner jetzigen Bewohner.

Mit dem Erfahrungshintergrund dieser Reise begab ich mich mit der Reisegruppe Paul Koch nach Weißrußland. Eine bestens organisierte Tour mit einer harmonisch agierenden Gruppe interessanter und interessierter Individuen, von denen jeder einen persönlichen engen oder weiten Bezug zu Paul Koch, zu diesem Land oder seinen Bewohnern hatte. Mein Bezug zu diesem Land war Neugier, geweckt durch Gespräche mit ehemaligen Weißrußlandreisenden und durch das Studium von Literatur über das Geschehen an der Ostfront im 2.Weltkrieg noch während meiner Schulzeit.

Wie auf der Reise ins ehemalige Ostpreußen war ich tief beeindruckt von der Gastfreundschaft der Menschen in Weißrußland. Beeindruckt nicht nur von den beladenen Tischen, den aufwendigen Vorbereitungen und dem touristischen Angebot sondern auch von solchen Gesten wie dem Hinausbegleiten der Reisegruppe vor die Tore der jeweiligen Stadt - eine Ehrerbietung gegenüber dem Gast, welche in unserer Gesellschaft zu einem öffnen der Haustür verkümmert ist.

Auffallend schön war auch die Landschaft. Das weite leicht hügelige Land erhält seinen Reiz durch verstreut liegende Seen und Moore, Wälder, Wiesen und Felder, Kiefern und Birken. Die zumeist grauen schlichten, verwitterten Holzhäuser der Dörfer markieren das Landschaftsbild. Vereinzelt liebevoll gelb oder blau gestrichene Heime ziehen als belebendes Element die Blicke des Reisenden auf sich. Hier und da stolzieren Störche auf moorigen Wiesen in der Nähe kleiner Tümpel. Kuhherden, von Hirten bewacht, begrasen das nicht eingezäunte Weideland.Die geringe Höhe des schütteren, fast reifen Getreides liefert Diskussionsstoff unter den Reisenden.

Aber zu all diesen schönen, erfreuenden, positiven Eindrücken gesellt sich auf einer Fahrt durch Weißrußland - anders als damals im ehemals südlichen Ostpreußen - etwas Bedrückendes. Es sind die Zeugen unrühmlicher deutscher Vergangenheit, welche den Besucher dieses Landes auf Schritt und Tritt begleiten. Der Reisende erfährt - und das haben meine Bücher bisher verschwiegen - von den verheerenden Zerstörungen in Städten und Dörfern und von dem unvorstellbaren Leid, das diesem Volk im Namen der Deutschen zugefügt wurde.

Da ist die Stadt Minsk, deren nach Kriegsende großzügig angelegte breite Straßen das Ausmaß der Zerstörung noch erahnen lassen. "Bei der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee am 3. Juli 1944 lagen 90% der Gebäude in Schutt und Asche."( Holtbrügge S.19 ). Von den 300000 Einwohnern zu Beginn des Krieges überlebte die Hälfte. Unter den Toten befanden sich allein 100000 Juden aus dem Minsker Ghetto.

Da ist das Mahnmal von Chatyn, ein eindrucksvolles Denkmal zur Erinnerung an die Vernichtung weißrussischer Dörfer durch die deutsche Besatzung-smacht im 2.Weltkrieg. Als Vergeltungsaktion gegen Partisanenangriffe hatte im Jahre 1943 ein SS-Sonderbataillon das Dorf umstellt, 156 Einwohner in einer Scheune zusammengetrieben, die Scheune angezündet und alle Bewohner, darunter 76 Kinder, bei lebendigem Leibe verbrannt (Holtbrügge, S. 19). Laut gleicher Quelle wurden in Weißrußland durch die deutsche Besatzungsmacht 186 Dörfer für immer ausgelöscht, wurden zwischen 1941 und 1943 etwa 2230000 Menschen umgebracht, eine Zahl, die nahezu einem Viertel der Gesamtbevölkerung entsprach.

Da erinnert das in seinem damaligen Zustand belassene Gebäude der SS in Wizebsk an Greueltaten in deutschem Namen, wie z.B.das Erhängen von Partisanen an einem Galgen vor dem Rathaus. Und da zeugt eine kleine Plakette, eingelassen in eine Hauswand am Rande des ehemaligen Ghettos in der Stadt Hrodno von der Vernichtung von 29000 Juden aus diesem Ort.

Und da erwähnen in einem Vorstellungsgespräch der evangelischen Gemeinde zu Minsk zwei Frauen ihr Zwangsarbeiterdasein in Deutschland, nicht anklagend sondern als Faktum, kurz und sachlich. Und....... und......und......und....!

Die Spuren dunkelster deutscher Geschichte sind überall. Sie könnten für uns noch sichtbarer werden, wenn uns Christian Gerlach mit seinem Buch (erscheint demnächst) "Kalkulierte Morde - Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 - 1944 "den Spiegel der Vergangenheit vor Augen hält. Kein Deutscher, gleich welcher Generation er angehört, wird da jemals wegschauen können.

Literatur
1. Evelyn Scheer, Weißrußland entdecken, Trescher Verlag Berlin
2. Dirk Holtbrügge, Weißrußland, Verlag C. H. Beck

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Letzte Aktualisierung am 2006-11-17, Kai Boever. Kontaktadressen