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Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V.


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Fahrten: 1997  1998  1999  2000  2001  2002  2003  2004  2005  2006  2007  2008 

Reisebericht Belarus-Reise 10.07.2003 - 24.07.2003

von Karin Grübler aus Hannover (Teilnehmerin an der Begegnungsfahrt)

Was wissen Sie eigentlich von Weißrussland?

Die Republik Belarus, ein Überbleibsel der aufgelösten Sowjetunion, besteht als unabhängiger Staat. Belarus liegt zwischen Polen und Russland, die Hauptstadt ist Minsk. Regiert wird dieser Staat von dem umstrittenen Präsidenten Alexander Lukaschenko.

Vom 10.-24.07.2003 nahm ich als Teilnehmerin an einer Begegnungsfahrt "Weißrussland" ausgerichtet von der Tschernobyl - Initiative in der Propstei Schöppenstedt teil. Eine Begegnung mit der Bevölkerung in diesem Land und mit vielen weißrussischen Kindern, die nach der Tschernobyl Katastrophe erkrankten. Unsere Reisegruppe setzte sich aus 9 männlichen und 2 weiblichen Reisemitglieder zusammen.

Donnerstag, den 10.07.2003
Am 10.07.03 beginnt unsere Fahrt mit der Bahn um 22.50 Uhr vom Bahnhof Braunschweig. Mein Schlafabteil teile ich mir mit Margret und Otto. Wir haben uns viel zu erzählen und es dauert lange, bis wir endlich zur Ruhe kommen. Irgendwann muss Margret zur Toilette und ganz erleichtert meint sie: "Man gut, dass ich heute noch beim Friseur war . "Darauf Otto: "Ja, sonst hättest du jetzt nicht über den Flur gehen können..." Die Matratzen sind hart und unbequem. Um 3.00 Uhr erreichen wir dann die polnische Grenze. Der deutsche Zoll weckt uns, kontrolliert unsere Pässe, kurze Zeit später erfolgt die polnische Kontrolle. Die Grenzbeamten und der Zoll sind nett und zuvorkommend.

Um 4.oo Uhr schlafen wir dann endlich ein. Um 7.oo Uhr stehen wir auf, richten unsere Betten, trinken Tee, die Zeit vergeht langsam. Allmählich lernen sich die Mitreisenden der Gruppe kennen. Beim Grenzübergang nach Weißrussland gibt es einige Irritationen. Wir werden von einer russisch sprechenden Frau angesprochen, die von uns "Papiere" sehen will. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass diese Dame lediglich die Versicherungsnachweise einsehen wollte.

Einige der Reiseteilnehmer waren schon in den vergangenen Jahren in Weißrussland gewesen. Für mich war es die erste Reise nach Weißrussland, ein Land, von dem ich bislang nur wenig Information hatte.

Freitag, den 11. 07. 2003
Ein wenig müde und erschöpft, erreichen wir gegen 17.00 Uhr den Bahnhof in der Grenzstadt Brest. In einer Halle vom Bahnhof müssen wir einige Formalitäten erledigen, unsere Visa werden kontrolliert und die Pässe registriert.

Diese Registrierung dauert sehr lange und wir wundern uns mit welcher Ruhe und Gelassenheit diese Menschen hier arbeiten. Während ein Zollbeamter die Registrierung vornimmt, sitzen 3-4 Kollegen daneben und schauen ihm bei der Arbeit zu. Eine Beobachtung, die uns schmunzeln lässt. Nun sind alle Pässe registriert und wir dürfen den Bahnhof verlassen.

Am Bahnhof sollen wir vom "Reiseleiter" und der Dolmetscherin empfangen werden. Aber offensichtlich klappt es mit dem Treffpunkt nicht. Dank Handy finden wir uns dann doch noch und werden ins Hotel "Belarus" nach Brest gefahren.

Wir geben unsere Pässe ab, erhalten die Zimmer und treffen uns zum gemeinsamen Abendessen. Zlava unser "Reiseführer" und Olga unsere Dolmetscherin stellen sich vor und erzählen uns ein wenig über die bevorstehende Reise. Danach gehen wir müde und erschöpft auf unsere Zimmer und freuen uns, dass wir nun endlich in Belarus angekommen sind.

Samstag, den 12. 07. 2003
Wir treffen uns um 8.00 Uhr zum Frühstück im Hotel. Anschließend fahren wir mit dem Bus durch die Stadt zu einer Festung, eine Festung aus dem zarischen Reich. Es war eine der wichtigsten Festungen in der russischen Geschichte. Eine Festung umgeben von Wasser. Der Eingang ist in Form eines riesigen Sterns gebaut. Beim Durchschreiten des Eingangs hören wir über Lautsprecher Soldatenschritte, Flugzeuglärm und die Stimme des Krieges (Kriegsberichte), der Krieg so weit weg und doch so nah. Eine tiefe eindrucksvolle Stimmung macht sich in uns breit. Über einen Fußweg durch die parkähnliche Anlage erreichen wir ein Museum. Das Museum wurde 1956 eröffnet und beherbergt viele Zeichen des Krieges. Gut erhaltene Dokumente, die über Bewaffnung, Kleidung, und Sitten jener Zeit Auskunft geben. Mittlerweile zeigt die Ausstellung Geschenke aus 41 Ländern, die vom russischen Krieg erzählen. Wir sehen zahlreiche, farblich gekennzeichnete Portraits von Soldaten. So verdeutlichen die schwarz-weißen Portraits den Tod und die farbigen Portraits zeigen die Überlebenden. Während des Krieges haben hier verschiedene Nationen gegeneinander gekämpft. Ca. 8000 Menschen lebten in der Festung und viele davon fanden hier den Tod.

1989 wurde ein zweites Museum eröffnet, ein Museum der Neuzeit. Hier wird eine Siedlung aus dem 9. Jh. gezeigt, die bei Ausgrabungen entdeckt wurde.

Wir fahren weiter nach Podjelniki, ca. 80 km südwestlich von Minsk. In Podjelniki besuchen wir ein Sanatorium der Blindengesellschaft.

Blinde und sehbehinderte Kinder und Erwachsene haben hier die Möglichkeit zur Erholung, des weiteren finden hier auch Mutter-Kind-Kuren statt. Kinder aus den von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Gebieten verbringen hier Ferien zur Genesung. Valentin, der Leiter des Zentrums, begrüßt uns und ein reichlich gedeckter Tisch wartet auf uns zum Essen. Beim Essen gibt es immer ein Vorher und Hinterher. Das Essen beginnt mit einem kleinen Salat. Dann kommt das Vorgericht, Suppen in verschiedenen Variationen also - das ist Standard. Als Hauptgang Fisch oder Fleisch. Zu alldem gibt es einen Korb mit Brot. Zum Abschluss gibt es einen Kaffee oder Tee. Wir essen in einem großen Speisesaal, wo auch die Kinder ihre Mahlzeiten einnehmen. Nach dem Abendessen beziehen wir unsere Zimmer. Die Zimmer sind einfach und schlicht. Mit unserem westlichen Komfort nicht annähernd zu vergleichen. Anschließend trifft sich unsere Reisegruppe zum gegenseitigen Kennenlernen an der Grillhütte. Viel Neues und Interessantes erfahren wir über Podjelniki. Einige von uns nutzen die Gelegenheit für eine Rückenmassage, die im Haus zu einem geringen Kostenbeitrag angeboten wird. Schnell haben wir auch Kontakt zu den Menschen, die hier gerade Urlaub machen. Die Verständigung ist zwar sehr mühsam, aber mit Händen und Füßen geht es irgendwie doch. Ein Akkordeonspieler macht Musik und die Musik sprengt alle Grenzen und Barrieren. Ein schöner Abend geht zu Ende und wir freuen uns auf den kommenden Tag.

Sonntag, den 13.07.2003
Zum Frühstück gibt es einen kleinen Salat und eine deftige Suppe. Anschließend zwei Sorten Brot, Käse, Wurst, Salat. Als Getränk serviert man Wasser und zum Abschluss einen Kaffee oder Tee, wie bei jeder Mahlzeit. Ein Spaziergang mit einer Kindergruppe führt uns zu einem entlegenem verlassenem Gutshof. Der Geschichte nach lebte hier vor vielen Jahren ein Wunderheiler, der die Fähigkeit besaß, seine Mitmenschen mit Heilkräutern gesund zu pflegen. Zur damaligen Zeit ein wunderschönes Domizil, heutzutage ist das Gebäude verfallen und das Grundstück verwildert. Eine Storchenfamilie hat ihr Nest auf dem höchsten Turm des Gebäudes gebaut. Es gibt niemanden in diesem Land, der Interesse hat, dieses Anwesen wieder zu nutzen. Es fehlt jegliches Geld und jegliche Motivation. Uns kommen sofort viele Gedanken und Ideen, was man hier alles errichten könne...

Gemeinsam gehen wir mit der Kindergruppe wieder ins Sanatorium zum Mittagessen. Ruhe für ein Mittagsschläfchen bleibt uns nicht, da wir schon zum nächsten Programmpunkt verabredet sind. Valentin, der Leiter vom Sanatorium, führt uns durch die Anlage und zeigt uns stolz den Fortschritt der letzten Jahre. Mittlerweile geht es dem Zentrum recht gut und den Kindern wird viel geboten. Tischtennisplatten, Fitnessgeräte, Bastelräume, Massagezimmer, Fernsehzimmer, Billardtisch, das Freizeitangebot ist groß. Dank der Tschernobylinitiative aus Schöppenstedt konnten viele dieser Dinge angeschafft werden. Aber auch Fahrräder können sich die Kinder ausleihen. Fahrräder, die aus Deutschland mit einem Hilfstransport dort hingekommen sind und dort repariert werden.

Alexander ( 84 J.) aus Deutschland ist für diese Fahrräder verantwortlich und verbringt einen Teil seiner Zeit dort in Podjelniki, um die Fahrräder zu reparieren.

Mittlerweile ist Alexander in Podjelniki aber auch für andere Arbeiten ein wichtiger Mann geworden, so fliest und malert er wenn Not am Mann ist und gibt den heimischen Handwerkern wertvolle Tipps und Hilfestellungen. Aber immer wieder fehlt es an Werkzeug und anderen Materialien. Ein Mann, der nicht mehr wegzudenken ist aus Podjelniki und der selbst, wie er sagt, sich dort auch sehr heimisch fühlt.

Vor dem Abendessen überraschen uns die Kinder mit einer bunten Aufführung im großen Konzertsaal. Diese jungen Menschen haben mit viel Freude ein buntes Programm für uns vorbereitet. Sie singen und tanzen und zeigen uns ihr Können. Mit einem dicken Applaus bedanken wir uns und essen gemeinsam zu Abend.

Anschließend treffen wir uns wieder im Freien an der Grillhütte und empfangen Besuch aus der Nachbarschaft, einem Ehepaar aus Weißrussland, die schon länger mit der Tschernobylinitiative befreundet sind. Sie haben Wodka, Brot, Wurst, Kekse und Eis mitgebracht und wir haben eine nette Unterhaltung. Der Abend wird lang und zerstochen von den vielen Mücken gehen wir schlafen.

Montag, den 14.07.2003
Heute ist unser letzter Aufenthalt in Podjelniki<. Einige von uns nehmen am Frühsport der Kinder teil, andere nutzen noch jede Minute um ein wenig zu ruhen. Die ersten Strapazen dieser Reise machen sich bemerkbar und Schlaf ist eine wichtige Energiequelle geworden.

Nach dem Frühstück besuchen wir ein Schloss in Mir. Wie viele Burgen und Schlösser und Kirchen die Geschichte von Belarus hervorgebracht hat, ist kaum zu sagen. Das Schloss in Mir wurde im 16. Jh. erbaut. Es hat lediglich nur einen Eingang und besitzt 5 Türme. Die Wände sind ca. 2 Meter breit, es gleicht einer Festung und wurde im Jahre 2000 von der Unesco zum Welterbe anerkannt. Es ist ein zentral europäisches Schloss und erinnert an wichtige historische Höhepunkte und kulturelle Traditionen. Eine kleine Ausstellung im Schloss erzählt vom Leben der Schlossbewohner, die mittlerweile als Familie ausgestorben sind und keinerlei Nachkommen haben.

Wir sind die einzigen Touristen, ein ungewohntes Bild für uns. Am Busparkplatz nehmen gibt es ein Picnic, unsere Fahrt geht weiter nach Naredishwa. In Naredishwa besichtigen wir eine orthodoxe Kirche mit der Grabkammer Benedicts XIV. In einer orthodoxen Kirche finden Gottesdienste über ca. 2 - 3 Stunden statt. Während des gesamten Gottesdienste stehen die Gläubigen, Bänke gibt es nicht. Frauen müssen in der orthodoxen Kirche Kopf, Schulter und Knie bedeckt halten. Männer dürfen keine Kopfbedeckung tragen, lediglich die Frauen tragen Kopftücher. Anschließend gehen wir zu einem nahegelegenen Schloss aus dem 16.Jh. Diese damals reiche Residenz, löste bei der damaligen Bevölkerung viel Unruhe aus. Sie versuchten, das von einem Wassergraben umgebene Schloss zu plündern, um Reichtum und Geld zum Verschönern ihrer Stadt zu erhalten. So gab es immer wieder Unruhen, doch der Unterschied zwischen reich und arm besteht bis heute.

Voll mit vielen verschiedenen Eindrücken vom Leben in Belarus, treffen wir am Abend wieder in Podjelniki ein. Während der Busfahrt sehen wir, wie auch die Tage zuvor, eine Landschaft, die so anders ist als bei uns. Die flache Landschaft umfasst das ganze Land. Kilometerlange Birken- und Buchenwäldern, zwischendurch viele Naturseen an denen sich Familien zum Schwimmen und zum Picnic tummeln. Es gibt keine Zäune und Grenzen, Kuhherden werden von Kuhhirten begleitet, dann und wann sehen wir auch Ziegen. Viele kleine Dörfer, die Stille, aber auch Einsamkeit und Armut ausdrücken sehen wir auf unserer Fahrt. Immer wieder stellt sich für uns die Frage, wie leben diese Menschen hier mit diesen weiten Entfernungen? In mehreren kleinen Orten sehen wir Pferdewagen auf denen ganze Familien unterwegs sind. Autos sehen wir selten.

Der Leiter des Sanatoriums hat für uns einen Grillabend vorbereitet. Es gibt nicht nur reichlich zu Essen, auch der Wodka fließt reichlich. Immer wieder ein Trinkspruch und immer wieder darauf ein Gläschen Wodka. Ein Akkordeonspieler untermalt mit seiner Musik unsere Unterhaltungen und es wird gemeinsam gesungen, erzählt und gelacht. Der Abend wird lang und mit Wehmut nehmen wir Abschied von unserem Aufenthalt in Podjelniki. Sicherlich werden wir noch lange an diese schönen Stunden in Podjelniki denken und sie in unserem Herzen bewahren.

Dienstag, den 15.07.2003
Heute ist nun das Ende unseres Aufenthaltes in Podjeniki und es heißt Abschied nehmen. Abschied nehmen von netten und so gast-freundlichen Menschen in Belarus. Wir werden von den Gästen des Erholungszentrums zum Bus gebracht und liebevoll verabschiedet. Wir singen und tanzen und herzen und drücken uns. Es scheint, als kennen wir diese Menschen schon ewig lange.

Unsere Fahrt geht nun weiter nach Nadeshda. Wieder fahren wir durch das weite Land und nach ca. 5 Stunden erreichen wir Nadeshda. Nadeshda ist eine große Erholungseinrichtung für Tschernobylkinder, unterstützt durch die Männerarbeit.

der evangelischen Kirche z. B. mit Geld- und Sachspenden, aber auch mit Arbeitseinsätzen Deutscher vor Ort. Die Häuser in Nadeshda sind weiß gestrichen und die Dächer sind aus verzinktem Blech. Die gesamte Anlage erscheint sehr gepflegt, das Gelände großzügig angelegt. Ein Sanatorium, das auch in Deutschland so anzufinden wäre. Die Kinder haben ein sehr ausgewähltes Freizeitprogramm und eine reichlich wertvoll biologisch angebaute Ernährung. Es wird viel Wert daraufgelegt, dass die Kinder sich dort regenerieren und dementsprechend auch ein ausgewogenes Essen erhalten.

Wir werden von Roxana, einer Mitarbeiterin des Zentrums schon erwartet und liebevoll begrüßt. In einem Speisesaal wartet ein liebevoll zu-bereitetes Mittagessen auf uns und Roxana erzählt uns ein wenig von der Arbeit in Nadeshda. Bei einem anschließenden Rundgang durch die Anlage erfahren noch mehr über die Arbeit dort und wir sind tief beeindruckt. Dieses Sanatorium ist eine wunderbare Erholungseinrichtung für Kinder geworden. Roxana bedankt sich immer wieder für die viele Unterstützung aus Deutschland und wir wünschen ihr zum Abschied auch noch weiterhin viel Kraft und alles Gute.

Unsere Reise setzt sich fort nach Jeseritsche. Spät am Abend erreichen wir Jeseritsche, wo wir in einer Heimschule für blinde Kinder übernachten. Da die Kinder zur Zeit Ferien haben, ist die Schule leer und wir haben dort die Möglichkeit zu schlafen. Schon beim Betreten des Gebäudes zeigt uns ein Bild des Schreckens. Das Haus ist sehr alt und es wurde jahrelang nicht renoviert. Die Zimmer sind alle in renovierungsbedürftigen Zuständen. Die Tapeten sind teilweise nur noch in Fetzen an der Wand. Fensterscheiben nicht vollständig, in einigen Räumen regnet es durch, die Farbe an den Wänden auf den Fluren ist nur noch zu erahnen, das Außengelände verwildert, in den Sammelduschen und -toiletten gibt es keine ausreichende Belüftung. Auch die Leiterin des Hauses ist über diesen katastrophalen Zustand betrübt, aber sie weiß nicht, wie und wo man zuerst mit dem Renovieren beginnen soll. Einige Zimmer werden zur Zeit notdürftig renoviert, aber es fehlt Geld um Materialien und Werkzeuge zu kaufen. Die gesamte Stimmung in diesem Haus ist bedrückend, keine Kinderzeichnungen oder Bastelarbeiten sind zu sehen und man vermutet es nicht, dass hier Kinder wohnen und leben und auch noch lernen sollen.

Beim Abendessen erzählt uns die Leiterin etwas über das Schicksal einiger Kinder und über die Nöte die in diesem Haus herrschen. Ein ehemaliger Heimbewohner ist auch zu Gast und stellt uns seine Hilfsorganisation vor. Er hat zwei Tenöre eingeladen, mit denen er zusammen ein Hilfsprojekt für Jeseritsche ins Leben gerufen hat. Es sind zwei klassisch ausgebildete Sänger, die uns berichten, dass sie etwas für die blinden Kinder tun möchten. Zusammen mit blinden Menschen haben sie ein Konzert vorbereitet und der Erlös geht an die Schule in Jeseritsche.

Zur Begrüßung erfreuen uns beide Tenöre mit wunderschönen Gesängen und laden uns zu einem Konzert zum nächsten Tag ein. Wir haben viel zu erzählen und es wird eine angeregte Unterhaltung. Den Abend lassen wir mit einem kleinen Spaziergang ausklingen, um ein wenig Abstand von unseren ersten Eindrücken zu bekommen. Mit vielen verschiedenen Gedanken gehen wir in unsere Betten und trotz der so einfachen Unterkunft schlafen wir erstaunlich gut.

Mittwoch, den16.07.2003
8.00 Uhr Frühstück. Unser Bus hat eine Reifenpanne und da die Reparatur länger dauert als vorgesehen, nutzen wir die Zeit für einen kleinen Spaziergang zu einem nahegelegenen See. Wir nehmen ein Erfrischungsbad, was bei der Hitze gut tut. Anschließend fahren wir nach Witebsk ins Chagall- Museum und lernen das Geburtshaus von Chagall kennen.

Marc Chagall, ein russ. jüd. Maler und Grafiker, wurde am 7.7.1889 in Witebsk geboren. Er lebte zwischenzeitlich in Paris und seine frz. Eindrücke mischen sich mit Einflüssen aus der Volkskunst, russischen Märchen sowie myst. und traumhaften Vorstellungen aus Religion und Kindheit zu seinem sehr persönlichen Stil Es gibt von ihm zahlreiche Gemälde, Illustrationen, Glasfenster und Bühnenbilder.

Zeit seines Lebens war Marc Chagall, der große Kolorist und Zauberer unter den Künstlern des 20. Jahrhunderts, die Rolle des Außenseiters und künstlerischen Eigenbrödlers auf den Leib geschrieben. Als Jude, der das Bilderverbot souverän missachtete und Sohn eines armen russischen Heringhändlers verkörpert Marc Chagall von jeher den Charme des unangepassten Fremdlings und Kind gebliebenen Träumers. In Witebsk essen wir zu Mittag und fahren anschließend zum Konzert der Blindengesellschaft>. Das Konzert findet in einem typisch russischen Altenheim statt. Viele alte und auch behinderte Menschen haben hier, in diesem Hochhaus, ihr Zuhause gefunden. Sie sitzen stumpfsinnig auf den Fluren, ihre Kleidung spiegelt die Armut wieder. Zum Abendessen nehmen sie ihren eigenen Plastikbecher und einen Löffel mit in den Speisesaal. Auf den Tischen steht ein Plastikteller, gefüllt mit Suppe. Ein Brotkorb steht auf den Tisch. Das Essen ist zugeteilt und ich beobachte, dass viele alte Menschen den Speisesaal ohne zu essen wieder verlassen. Sie sprechen untereinander kein Wort und es scheint, als hätten sie mit ihrem Leben abgeschlossen. In einem Saal findet das Konzert statt. Auch einige Heimbewohner sind anwesend und freuen sich über die Darbietungen der blinden Künstler. Die blinden Menschen erfreuen uns mit ihrer Musik und auch die professionellen Tenöre geben ihr Bestes. Zum Schluss werden die blinden Künstler mit kleinen Geschenken belohnt und wir fahren tief beeindruckt zurück nach Jeseritsche in unsere Unterkunft. Wir haben noch viel zu erzählen und unternehmen einen kleinen Spaziergang in die Umgebung. Erschöpft fallen wir unsere Betten und tanken wieder Energie für den kommenden Tag.

Donnerstag, den 17.07.2003
Um 7.30 Uhr treffen wir uns zum Frühstück. Anschließend besichtigten wir den Betrieb der Blindengesellschaft in Witebsk, der von Konstantin und seiner Frau Tamara geleitet wir. Hier werden einfache Arbeiten von überwiegend blinden und sehbehinderten Menschen verrichtet. Haarklammern, Drogerieprodukte, Sicherungen u. a. werden von 42 Mitarbeitern hergestellt. In einer Nähstube für Sehbehinderte können Mitarbeiter des Betriebes ihre Kleidung ändern oder ausbessern lassen. Aber auch Fremdfirmen können hier Aufträge erteilen, sodass die Arbeiterinnen genügend Arbeit haben.

Aber dennoch ist es schwer, die Produkte der Firma abzusetzen. Dadurch ergeben sich oftmals soziale Probleme in diesem kleinen Betrieb. Die Menschen hier würden gerne mehr arbeiten, aber der Arbeitsmarkt gibt dies nicht her.

Im Vordergrund steht das soziale Engagement von Konstantin. Er möchte zwar, dass diese Menschen alle eine Beschäftigung haben, aber er möchte auch, dass es ihnen gut geht.

So haben sie z.B. die Möglichkeit sich Bücher auszuleihen, eine Massage im Betrieb zu erhalten und sie können dort auch essen. Wünsche hat Konstantin für die Zukunft auch. Er wünscht sich z. B. , dass er die Außenlage verschönern könne und dass die hergestellten Produkte besser verkauft werden können. Wir gehen gemeinsam zum Essen und anschließend noch auf ein Erfrischungsgetränk in das Büro von Konstantin. Einige Frauen bieten uns selbstgebackenen Kuchen an und freuen sich über eine Unterhaltung mit uns. Ein wenig Abwechslung in ihrem bescheidenen Arbeitsalltag.

Anschließend fahren wir nach Witebsk ins Museum des Künstlers Repin. Repin wurde im 19. Jh. geboren und ist ein bekannter Maler aus der Sowjetunion. Das Museum befindet sich in seinem ursprünglichen Haus, das ganz aus Holz gebaut, in einem großen Park liegt.

Die Bilder (sozialistischer Realismus)sind beeindruckend, sowie auch die Architektur des Hauses, das einem Turm ähnelt. Viele kleine Räume und Etagen sind über Holztreppen verschiedenster Art zu erreichen. Rundherum ist ein Balkon mit einem herrlichen Ausblick. Repin lebte dort mit seiner Familie und er hatte die Eigenart, jede Nacht im Freien zu schlafen. Das heißt, auch seine Kinder mussten bei jeder Jahreszeit auf dem Balkon schlafen, da er der Meinung war, das sei gut für die Gesundheit.

Nach der Besichtigung fahren wir zu einem Picnic an einem nahegelegenen Fluss. Konstantin, der Leiter der Blindengesellschaft in Witebsk hat für uns sehr liebevolles Picnic hergerichtet. Das Wetter ist einladend, so dass wir dort lange verweilen. Gegen Abend fahren wir zu einem Konzert nach Witebsk. Die ganze Stadt ist unterwegs und viele Menschen tummeln sich auf der Straße. Das Konzert ist ausverkauft und 6000 Zuschauer sorgen für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Mit einem gewaltigen Feuerwerk wird das Konzert gegen 1.00 Uhr beendet und wir fahren mal wieder völlig erschöpft und müde in unsere Unterkunft. Unsere Augen werden immer müder und unsere Beine immer dicker. Gegen 4.00 Uhr liegen wir dann endlich im Bett. Es war ein anstrengender, aber auch wieder ein sehr schöner Tag.

Freitag, den 18.07.2003
Auch nach nur 3-4 Stunden Schlaf treffen wir wieder alle pünktlich zum Frühstück um 8.00 Uhr ein. Heute reisen wir aus Jeseritsche ab. Die Leiterin zeigt uns noch einen kleinen Raum, wo ein paar wenige Schülerarbeiten ausgestellt sind. Uns wird immer bewusster, wie viel Arbeit hier noch investiert werden muss, um annähernd eine angenehme Atmosphäre zu erhalten. Wir verabschieden und bedanken uns für die Gastfreundlichkeit und versprechen eine schnelle Hilfe.

Wir besuchen die Sophien Kathedrale und das Frauenkloster in Polozk. Das Kloster besteht seit dem 12. Jh. Vor dem Betreten des Klosters werden die Frauen gebeten Kopftücher umzubinden und einen Rock anzuziehen. Wir sehen sehr entfremdet aus, aber gewöhnen uns schnell an diesen Anblick.

In dem Hauptgebäude, der Kirche, wurde früher gewohnt und gebetet. Ein Kreuz aus dem 12. Jh. was früher zur Kirche gehörte, ging im Laufe der Jahre verloren und somit ist das ursprüngliche Kreuz nicht mehr vorhanden. Aber mittlerweile gibt es ein neues Kreuz, was unter Verschluss aufbewahrt wird und nur zu besonderen Gelegenheit hervorgeholt wird.

Danach wird es wieder in eine Glasvitrine gelegt und viele Gläubige haben dann Gelegenheit das Kreuz zu betrachten. Hervorgeholt wird das Kreuz zum Beispiel, wenn wichtige Gäste kommen oder zu heiligen Festen. Eine 2. Kirche wurde im 19. Jh. erbaut. Das Kloster hat verschiedene Episoden durchlebt.

So war es zwischenzeitlich auch geschlossen. Heute kann man in den Kirchen alte Ikonen und Reste von Bildern, auf denen die Heilige zu sehen sind, sehen. Aber auch andere Gegenstände sind ausgestellt, wie z.B. dicke Ketten, mit denen sich die Gläubigen selber zugekettet haben, ein religiöser Brauch um die Seele vor schlechten Gedanken zu schützen. Die Nonnen, die heute noch im Kloster leben, beten morgens und abends. Die jüngste Nonne ist derzeit 16 Jahre alt. Unser Fahrer kauft für uns Honigkuchen den die Nonnen selbst backen und bietet ihn zum Probieren an.

Unsere Fahrt geht weiter. Unterwegs gehen wir Mittagessen und besichtigen anschließend eine katholische Kirche. Dort hören wir ein Orgelkonzert und beim Ave Maria fallen uns fast vor Müdigkeit die Augen zu. Unsere Fahrt geht weiter Richtung Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Wir fahren durch ein großes Naturschutzgebiet, einem europäischen Urwald. Wir nutzen die Gelegenheit und besuchen einen kleinen Zoo, wo Tiere aus der Umgebung gehalten werden.

Unser nächster Halt ist Chatyn. Chatyn war ein kleines Dorf mitten im Wald, umgeben von viel Natur. Im 2. Weltkrieg wurde dieses kleine Dorf von deutschen Soldaten überfallen. Alle Bewohner wurden aus den Häusern geholt und in eine Scheune gesperrt. Die Scheune wurde angezündet und die Dorfbewohner verbrannten. Ein Dorfbewohner, der sich zur Zeit des Überfalls nicht im Dorf aufhielt, kam zurück und fand die Toten. Mittlerweile zeigt ein riesengroßes Denkmal, wie der Mann seinen toten Enkel auf den Armen vor sich trägt. Die Häuser der Dorfbewohner wurden mit Grundmauern angedeutet nachgebaut. Jedes Haus hat einen eigenen riesigen Schornstein.

Jede Minute erklingt eine Glocke aus einem anderen Schornstein zum Gedenken der Toten. Aber auch ein großer Soldatenfriedhof erinnert an die vielen weißrussischen Soldaten, die im Krieg ums Leben gekommen sind. Wir legen zum Gedenken Blumen nieder und gedenken der Toten. Ein bedrückender Moment.

Unsere Fahrt geht weiter durch die bezaubernde Landschaft von Belarus. An der Autobahn sitzen immer wieder kleine Menschengruppen und verkaufen selbstgesammelte Blaubeeren und Pilze. Es wirkt alles so ruhig und idyllisch, keine Hektik, kein Lärm, für uns ein fremder, aber beruhigender Anblick. Wir erreichen die Hauptstadt von Belarus, die Stadt Minsk.

Unsere Unterkunft ein kleines Hotel, in einem Haus das lange der Blindengesellschaft gehörte. In einem Gebäude gegenüber vom Hotel, befindet sich das Büro der Blindengesellschaft. Früher war es ein Betrieb der Blindengesellschaft, heute ist es ein Kulturzentrum wo verschiedene Auftritte stattfinden. Es gibt dort eine staatliche Bücherei für Blinde und Bücher aus der ganzen Republik können dort bestellt werden. Auch gab es in diesem Haus in den vergangenen Jahren ein Internat für Blinde, jetzt sind dort überwiegend Büros.

Die 1. Etage ist an eine Fremdfirma vermietet und bietet somit eine Geldeinnahme. Im Erdgeschoss befindet sich ein Museum der Blindengesellschaft. Dort kann man die geschichtliche Entwicklung der Blindengesellschaft nachvollziehen. In den Jahren 1809-1852 beschäftigten sich die ersten Männer mit der Blindenschrift. Das Alphabet in Blindenschrift wurde von dem Franzosen Juri entwickelt. Im 19.Jh. gab es die ersten Blindenschulen und Werkstätten für Blinde. Mittlerweile zählen zur Blindengesellschaft 16 Betriebe, in denen Pinsel, Sicherungen, Lampen, Haarklammern, Lampenschirme und verschiedene Kleinartikel hergestellt werden.

Der Staat unterstützt die Arbeit der Blindengesellschaft nur mit wenigen finanziellen Mitteln. Die Blindengesellschaft arbeitet mit der Tschernobylinitiative zusammen. Unsere Zimmer sind wieder einfach und schlicht, die Tapeten abgerissen und das Bad verschimmelt, so dass der Türrahmen von unten her wegfault. Ein Zustand an den wir uns erst einmal wieder schlecht gewöhnen können, aber die Freundlichkeit der Menschen überwiegt und schnell wird Schimmel und abgerissene Tapeten zur Nebensächlichkeit.

In einem extra für uns hergerichteten Raum nehmen wir unser Abendessen ein. Anschließend sitzen wir noch im Biergarten, der zum Hotel gehört und lassen den Tag ausklingen. Wieder fallen wir erschöpft, von den vielen Eindrücken und Aktivitäten, ins Bett. Über Schlafprobleme kann sich keiner von beschweren, wir schlafen alle tief und fest ein. Ein Teilnehmer unserer Reisegruppe meinte ganz treffend: "Alles was ich hier während der Reise an Schlaf zu wenig habe, bekomme an Essen zuviel!"

Samstag, den 19.07.2003
Um 8.00 Uhr sitzen wir wieder alle, mehr oder weniger müde, beim Frühstück. Kurze Zeit darauf unternehmen wir eine Stadtbesichtigung durch Minsk. Wir sehen hohe Wohnhäuser, die sich an den Straßen wie eine chinesische Mauer entlang schlängeln. Im Zentrum befindet sich ein riesiger Platz, der Platz der Unabhängigkeit. Auf der linken Seite sehen wir das Theater von Minsk und gegenüber befindet sich der neue Bahnhof. Ein großes Fußballstadion befindet sich auch in Minsk, das größte Stadion der Republik mit 45.000 Zuschauerplätzen. Gegenüber vom Stadion sehen wir eine große Konzerthalle, wo zur Zeit eine Kunstausstellung stattfindet. Wir haben Zeit und besichtigen die Ausstellung und haben somit auch Gelegenheit ein paar Souverniers zu kaufen. Während des 2. Weltkrieges wurde Minsk fast völlig zerstört, lediglich 4 Gebäude blieben unbeschädigt. Alle anderen Gebäude wurden abgerissen und durch neue Bauten ersetzt. Einige Gebäude wurden wieder restauriert. Die Restaurierungsarbeiten wurden überwiegend durch gefangene deutsche Soldaten durchgeführt. Wir sehen die pädagogische Hochschule gleich neben dem Ministerium mit einer Statue von Lenin vor dem Gebäude. Gegenüber einem großen Kaufhauses befindet sich die Nationalbank von Minsk. In Minsk gibt es ein Museum des russischen Vaterlandkrieges. Auch hat Minsk einen großen alten Park, wo sich gleich daneben ein altes Offiziershaus noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg befindet. Wir fahren wieder zurück in unser Hotel. Unterwegs halten wir an einer Stelle im Wald, wo sich ein großes Massengrab befand, was noch nicht vor zu langer Zeit entdeckt wurde. Viele unzählbare Holzkreuze wurden dort am Waldesrand der Reihe nach aufgestellt, zum Gedenken der Toten. Nach dem Mittagessen fahren wir zu Olga in den Garten einer lutherischen Gemeinde. Dort werden wir von 6 Frauen und einem Mann erwartet. Bei einem offenen Feuer sitzen wir an einer langen Tafel. Es gibt Hirsebrei mit Pilzen, Kekse und Wodka.

Die Braunschweiger Landeskirche hat dieser Gemeinde 10.000 € gespendet, damit sie sich ein kleines Grundstück für Gottesdienste und Treffen kaufen konnte.

Vorher wurden Treffen überwiegend in Wohnungen abgehalten, aber der Platz reichte nicht mehr aus und somit ist diese Gemeinde dankbar, dass sie nun mehr Möglichkeiten haben sich zu treffen. Die Gemeinde hat zur Zeit ca. 50 Mitglieder. Stolz zeigen uns die Frauen ihre Räume, in denen die Gottesdienste gehalten werden. Aber auch Kindergruppen treffen sich dort zum Spielen und Basteln. Olga hat noch viele Pläne und Wünsche, damit das Gemeindeleben noch aktiver werden kann.

Wir nehmen Abschied und besichtigen eine katholische Kirche. Zum Abendessen um 19.00 Uhr sind wir wieder im Hotel. Heute haben wir eine Einladung vom Vorstand der Blindengesellschaft zum Abendessen. Wir sitzen im Biergarten und der Tisch ist reichlich gedeckt. Zwei Herren vom Vorstand sitzen auch mit in unserer Runde und erzählen von ihrer Arbeit. Es wird ein geselliger Abend mit viel Wodka und gutem Essen. Es wird spät und die Nacht wieder viel zu kurz.

Sonntag, den 20.07.2003
Um 8.00 Uhr treffen wir uns zum Frühstück. Um 9.00 Uhr sitzen wir wieder im Bus zu einer Tagestour in die Umgebung. An einem kleinen See, nahe bei Minsk machen wir eine kurze Pause. Ein schöner, idyllischer See mit vielen Anglern, kleinen Segelbooten und Badegästen. Ein Ausflugsort für die Minsker Bevölkerung. Leider haben wir keine Badesachen mit, um eine kleine Erfrischung zu nehmen.

Wir setzen unsere Reise fort nach Narish, einem kleinen Kurort in Belarus. Diesen Ort gibt es seit dem 1. Weltkrieg, aber er ist auf keiner Europakarte zu finden. 1916 gab es hier eine Frontlinie und hier an dieser Stelle sind 80.000 russische und 40.000 Soldaten gefallen. Wir besuchen einen Soldatenfriedhof, wo viele deutsche Kameraden begraben sind. Der Friedhof wird vom Staat finanziell unterstützt und wir sehen viele Namen deutscher Soldaten.

Mittlerweile wohnen hier in diesem Ort viele Umsiedler aus Tschernobyl. Wir gehen an der Kurpromenade ein wenig spazieren und sind überrascht, wie modern dieser Ort wirkt.

Wir befinden uns hier im westlichen Teil von Weißrussland. Auf der Fahrt nach Minsk halten wir in einem kleinen Ort mit einer kleinen katholischen Kirche. Alte Frauen mit bunten Kopftüchern sitzen vor der Kirche auf alten Bänken. Fragend und interessiert schauen sie uns an. In der Kirche sehen wir ein großes Bild von dem heiligen Andreas. Im Mittelpunkt dieser Kirche stehen aber noch zwei weitere Heilige der heilige Antonius und der heilige Rou. Zu den Heiligen gibt es eine Legende. Ein junges Mädchen suchte ihren Vater und wandte sich an einen Mönch. Dieser Mönch schenkte ihr einen kleinen Christus. Das Mädchen verlor aber den kleinen Christus. Ein junger Mann fand den Christus, wusste aber nichts damit anzufangen und schmiss ihn aus den Fenster seiner Bleibe. Durch Zufall fand der Vater des Mädchen diesen Christus und suchte den Besitzer. So fand er seine Tochter.

Die Kirche ist aus großen rechteckigen Steinen gebaut, ähnlich wie eine Legokirche. Gebaut wurde diese Kirche von einem Gutshofbesitzer. Es war eine große Familie. Mittlerweile ist die Kirche Mittelpunkt des Ortes. Unsere Fahrt geht weiter durch einen großen Nationalpark. Um 14.00 Uhr essen wir unterwegs zu Mittag und fahren anschließend eine Kolchose besichtigen.

Es ist eine große Kolchose, wo Butter, Käse, Rapsöl, Nudeln und Brot hergestellt werden. In einem riesigen Partyzelt werden wir empfangen und zum Kaffeetrinken eingeladen. Es gibt dänisches Bier und wir lernen den Vater von Katja (11 J.) kennen. Katja wurde, dank der Tschernobyl-Initiative aus Schöppenstedt vor 2 Jahren erfolgreich an einem schweren Herzleiden operiert. Mittlerweile geht es dem Mädchen gut und sämtliche Nachsorge kann vor Ort geleistet werden. Der Vater von Katja ist glücklich und dankbar über die erfolgreiche Operation und lädt unsere Gruppe zu einem Picnic an einem nahegelegenem See ein. Ein Picnic besonderer Art. Mitten im Wald erwartet uns ein offenes Feuer und ein reichlich gedeckter Tisch. Es gibt Fischsuppe, verschiedene Fleischgerichte und Salate. Auch der Wodka fließt reichlich und Katja und ihre gesamte Familie begrüßt uns herzlichst. Der Abend wird lang und der Abschied fällt uns schwer. Zu später Stunde nehmen wir Abschied und fahren wieder zurück nach Minsk in unser Hotel. Vom vielen Wodka schläft manch einer schon im Bus tief und fest ein und freut sich schon auf das Bett im Hotel....

Dienstag, den 21. 07. 2003
Heute heißt es Abschied nehmen aus Minsk und wieder Kofferpacken. Unsere Reise in Belarus ist dem Ende nahe. 4 Übernachtungen hatten wir in Minsk und die Zeit lief schnell davon. Gerne wären wir noch länger geblieben. Nach dem Frühstück um 8.00 Uhr verstauen wir unser Gepäck in dem Bus und fahren Richtung Brest.

Unterwegs halten wir noch einmal in einem Naturschutzgebiet, einem europäischen Urwald Bjeloweshkaya. Dieser Nationalpark befindet sich im Süd-Westen von Belarus, 340 km weit von Minsk. Der Park nimmt eine Fläche von ca. 90 Tausend ha ein. Es ist das größte und sonderbarste Massiv von Urwäldern, was für mitteleuropäische Ebenen typisch ist. Hier sind Wiesent, Hirsche, und Schwarzwild heimisch. Mit dem Bus fahren wir, begleitet von einer Führerin, durch den Urwald. Wir erfahren viel über Tier- und Pflanzenwelt, sehen aber leider keine freilebenden Tiere. Einige Wiesent in einem Gehege bekommen wir zu sehen und Bäume, die mehrere hundert Jahre alt sind.

Wir sehen ein Naturschutzgebiet, einen Urwald, den wir hier bei uns in Deutschland nicht annähernd erleben können.

Am Abend erreichen wir unser Hotel Belarus in Brest. Nach einem gemeinsamen Abendessen gehen wir auf unsere Zimmer und fallen müde ins Bett.

Mittwoch, den 22.07.2003
Heute ist unser letzter Tag in Belarus. Wir besichtigen eine Werkstatt der Blindengesellschaft und haben anschließend noch ein wenig Zeit ein paar Souvernirs zu kaufen.

Unser Zug fährt um 15.10 Uhr in Brest ab. Wir belegen unsere Abteile und haben alle ein wenig Wehmut im Herzen. Unsere Gruppe war sehr eng zusammengewachsen und wir hoffen, dass wir auch weiterhin ein wenig in Kontakt bleiben. Am Donnerstagmorgen um 5.00 Uhr werden wir von unseren Angehörigen in Braunschweig am Bahnhof wieder liebevoll empfangen. Deutschland hat uns wieder.

Adé Belarus

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Letzte Aktualisierung am 2006-11-11, Kai Boever. Kontaktadressen