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Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V.


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Expertenfahrt in die Ukraine und nach Weißrußland

Kurzbericht über den Besuch der vom Tschernobyl-Unfall betroffener Gebiete in die Ukraine und Weißrußland (06. - 15. 09. 1998)

Foto der Reisegruppe (JPEG - Datei ca. 90 kB)
Die Reisegruppe vor dem Feuerwehrdenkmal in der Stadt Tschernobyl/Ukraine. Um die Welt zu retten , so die Inschrift, nebst den Namen derer, die unmittelbar während der Katastrophe bei Löscharbeiten ums Leben kamen.

Ziel und Zweck der Reise:

Mit der Reise in die Ukraine und nach Weißrußland wollten wir uns einen überblick über die tatsächliche Situation, 12 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe, verschaffen.

  • Hierfür wollten wir Informationen und Daten über die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe auf das Leben von Natur und Mensch in der Ukraine und in Weißrußland sammeln und weitergeben.
  • Wir wollten uns an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher Strahlenbelastung, sowie bei betroffenen Menschen informieren, weil wir annahmen, daß viele Informationen über das Leben nach Tschernobyl falsch sind oder aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden, so daß ein falscher Eindruck entsteht.
  • Wir wollten aus unterschiedlichen Perspektiven eine Art Spurensuche durchführen, um eine Sichtweise zu erreichen, die nicht verharmlost aber auch nicht übertreibt.
  • Wir wollten unterschiedliche medizinische, soziale, pädagogische, kirchliche und wissenschaftliche Einrichtungen Weißrußlands und der Ukraine besuchen, um die Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen der betroffenen Länder besser zu verstehen.
  • Wir wollten einen Beitrag leisten, die gemeinsame, leidvolle Vergangenheit mit Weißrußland und der Ukraine aufzuarbeiten.
Hintergrund unserer Fragen ist ein nachlassendes Interesse in dieser Sache. So wollen z.B. einige ausländische Organisationen, die in der Vergangenheit große Hilfe für schilddrüsenkrebserkrankte Kinder geleistet haben, ihre Unterstützung reduzieren. Inzwischen sind nämlich Einrichtungen in Weißrußland aufgebaut worden, um dort selbst Behandlungen vorzunehmen.

Die bisherige Konzentration auf Schilddrüsenerkrankungen wird der Notlage nicht gerecht, denn es sind weitere, gravierende gesundheitliche Probleme in der Ukraine und in Weißrußland als Folge der Tschernobyl-Katastrophe vorhanden.

Diesem Problem wollten wir durch unsere Reise nachgehen. Wir vermuteten, daß Hilfsmaßnahmen weiterhin dringend notwendig sind.

Im folgenden sind die wichtigsten Stationen unserer Reise beschrieben:

  • 1. Station:
    Staatliches Zentrum für Strahlenmedizin der Ukraine

    Prof. Dr. Romanenko (zur Zeit des Reaktorunfalls Gesundheitsminister der Ukraine) leitet heute das staatliche Zentrum für Strahlenmedizin in Kiew/Ukraine, das nach der Tschernobyl-Katastrophe aufgebaut wurde.

    Er berichtete, daß die Katastrophe von 1986 enorme Probleme mit sich brachte. Sein Zentrum beschäftigt sich mit den Folgen der Bestrahlung und der Hilfe für die Betroffenen, insbesondere mit akuten Strahlenkrankheiten derer, die am Unfallreaktor gearbeitet haben. Zu dieser Einrichtung gehört eine tierexperimentelle Station und ein Krankenhaus. Ein weiteres Institut für Leukämiekranke, in dem auch Knochenmarkstransplantationen durchgeführt werden können, ist geplant. Er berichtete weiter, daß nach dem Tschernobyl-Unfall die Häufigkeit vieler Krankheiten und die Sterblichkeit angestiegen sind, die Ursache dafür aber läßt sich nicht allein auf die direkte Strahleneinwirkung zurückführen. Der eigentliche Anstieg der Krebskrankheiten und Leukämien wird erst noch erwartet. Hierauf will man sich in diesem Zentrum vorbereiten.

    Foto der Reisegruppe (JPEG - Datei ca. 40 kB)
    Die Reisegruppe mit weißrussischen und Ukrainischen Gastgebern in Kiew/Ukraine. Im Hintergrund eine Kirche, welche im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Erst nach dem Tschernobyl-Unfall wurde damit begonnen die Kirche wieder aufzubauen, als Zeichen dafür, daß das Leben weitergeht.

  • 2. Station:
    30 km Sperrzone um das Atomkraftwerk Tschernobyl

    Die Stadt Tschernobyl liegt ca. 12 km vom Reaktor entfernt und ist 1100 Jahre alt. Vor der Katastrophe lebten hier 18.000 Menschen. Nach der Evakuierung kehrten 700 meist ältere Menschen in die Sperrzone, davon 200 in die Stadt Tschernobyl, zurück. Hier arbeiten noch überraschend viele Menschen, die an den Wochenenden in ihre Heimatorte (z.B. Kiew) fahren. Diese Arbeiter sind innerhalb der Sperrzone z.B. mit Aufräum- und Forstarbeiten beschäftigt. In Tschernobyl sahen wir auch das Denkmal für die Feuerwehrleute, die als Folge der Bestrahlung während der Löscharbeiten am Reaktor erkrankten oder gestorben sind. Ein kleineres Denkmal erinnert an den Hubschrauberpiloten, der beim Antransport von Materialien über dem zerstörten Reaktor einen Kran streifte und in den Reaktor stürzte.

    Zwei Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt liegt die Stadt Pripjat, die als Arbeiterstadt für die im Kernkraftwerk Arbeitenden gebaut worden war. Es war eine Stadt mit Hochhäusern, Einkaufszentren und Vergnügungspark. Die 55.000 Einwohner wurden unmittelbar nach dem Unfall innerhalb von 27 Stunden evakuiert. Am Stadtrand ist eine weitere Sperre, die von der Polizei streng kontrolliert wird. Außer der Polizei ist hier niemand anzutreffen. Der Anblick dieser gespenstischen, toten Stadt machte uns sehr nachdenklich und bedrückte uns. Für die jetzigen Arbeiter im Kernkraftwerk und ihre Familien wurde eine neue Stadt, Slawutitsch, 50 km vom Kraftwerk entfernt, in kürzester Zeit errichtet. Alle Teilrepubliken der damaligen UdSSR bauten kostenlos Häuser in ihrem eigenen Baustil. Die Stadt zählt heute 28.000 Einwohner. Im neuerrichteten internationalen Strahlenschutz - Institut wurden wir von dem Direktor Nosowskij empfangen. Aufgabe des Institutes ist die gesundheitliche überwachung der Stadtbewohner und Kraftwerksmitarbeiter.

    Bei der Weiterfahrt innerhalb der Sperrzone sahen wir verlassene wie auch "beerdigte" Dörfer, bei denen nur kleine Hügel an frühere Häuser erinnern.

    Im Leninkraftwerk selbst arbeiten 5.000 Menschen. Davon sind 600 am und im Sarkophag beschäftigt. Block I + II sind abgeschaltet. Der Block III (unmittelbar mit dem zerstörten Block IV verbunden), ist nunmehr der einzige, der Strom erzeugt. Der Bau von Block V + VI ist nicht zu Ende geführt worden.
    Der Sarkophag vom zerstörten Block IV ist von einem Nebengebäude aus zu besichtigen. Hier werden in einer Ausstellung die verheerenden Folgen der Explosion des Block IV des AKW-Tschernobyl von 1986 detailliert dargestellt. Ein Videofilm mit Liveaufzeichnungen unmittelbar nach der Explosion machte das Ausmaß und die Schwierigkeiten der Aufräum - und Sicherungsarbeiten dramatisch bewußt.

    Foto von Dr. Malko bei Untersuchung (JPEG - Datei ca. 30 kB)
    Dr. Michail Malko, läßt während des Besuches im Kreiskrankenhaus Wjetka/Weißrußland, eine Ganzkörper-Untersuchung über sich ergehen. Seine radiologischen Werte sind normal, denn er war nur wenige Tage in der verstrahlten Zone.

  • 3. Station:
    Region Homel / Weißrußland

    Weißrußland wurde am stärksten von der Tschernobyl-Katastrophe betroffen. Das Dorf Bartholomäi im Kreis Wjetka gehört zu dem am stärksten bestrahlten Gebiet des Landes. Dieses Gebiet wurde ebenfalls evakuiert. Viele Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die landwirtschaftliche Nutzung ist hier verboten. In den Kreiskrankenhäusern Wjetka und Korma und in der Augenklink Homel wurde uns vom Anstieg unterschiedlichster Krankheiten berichtet. Die medizinische Versorgung ist durch Engpässe bei Medikamenten stark beeinträchtigt. Dennoch begrüßte uns Prof. Sokolowski, stellvertretender Direktor des medizinischen Instituts Homel, mit den Worten: "Homel lebt!"

  • 4. Station:
    Minsk / Weißrußland

    In Minsk, der Hauptstadt Weißrußlands, leben 1,8 Millionen Menschen. Hier befinden sich zahlreiche medizinische Zentren, darunter auch solche, die Statistiken über den Krankheitszustand der Bevölkerung erstellen. Patienten, die in anderen Krankenhäusern nicht behandelt werden können, kommen hier nach Minsk. Wir sahen Kliniken, die mit ausländischer (meist deutscher) Hilfe gebaut oder renoviert und ausgestattet wurden. Wir wurden von leitenden Professoren und Chefärzten empfangen. Sie nahmen sich Zeit zum Gespräch und zeigten uns die Einrichtungen, Ausstattung und Operationsräume. Überall die gleiche Information: Die Häufigkeit der Krankheiten steigt an und Medikamente sind nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Dies gilt selbst für die Klinken, die mit ausländischer Hilfe gebaut und ausgestattet wurden. Daneben besuchten wir weißrussische Organisationen, die sich um medizinische und humanitäre Hilfe bemühen. Sie helfen Familien, die in soziale und psychische Notlage geraten sind. So trafen wir in einer Schule auf eine Gruppe von vorwiegend älteren Frauen, die aus verstrahlten Gebieten umgesiedelt wurden und nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können. Sie schilderten unter Tränen, wie sie ihre Männer als Folge der Bestrahlung verloren, und wie sie 1991 aus ihren Dörfern evakuiert wurden. Sie beschrieben ganz offen ihre jetzige Situation in Minsk. Sie bekommen vom Staat eine Wohnung und eine Rente von etwa 720.000 Rubel (das sind ca. 20,- DM). Raisa Malikowa, Umsiedlerin und Vorsitzende der Selbsthilfeorganisation "Hilfe für Umsiedler" berichtete von Umsiedlerfamilien mit teilweise bis zu 11 Kindern, die in menschenunwürdigen Zustand leben müssen. Sie betreut diese Familien. Weil sie diesen Menschen und uns einen Besuch in solchen Wohnungen nicht zumuten wollte, übergab sie uns ein Video. Irina Arinowitsch von der Organisation "Vertrauen" kümmert sich um die psycho-soziale Betreuung von strahlengeschädigten Kindern und deren Familien. Dazu steht eine Gruppe von ehrenamtlich arbeitenden Psychologen und Sozialarbeitern zur Verfügung. Sie suchen den Informationsaustausch mit ausländischen Kollegen, da diese Arbeit für sie Neuland bedeutet. Auch hier mangelt es an staatlicher und sonstiger Unterstützung.

Daneben wurden folgende Institutionen besucht:
  1. Schule Nr. 16 in Babrysk, Partnerschule der EXPO-Schule Schöppenstedt
  2. Die lutherische Gemeinde Rettung in Minsk. Initiatorin und Gemeindeleiterin: Olga Stockmann. (Ca. 50 Gemeindemitglieder)
  3. Nadeshda, Rehabilitationszentrum für strahlengeschädigte Kinder
  4. Den Betrieb der Blindengesellschaft Minsk, mit 50% sehbehinderten ud blinden Mitarbeitern.
  5. Den landwirtschaftlichen Betrieb von Alexander Swiridow mit 150 h. Anbaufläche.
  6. Chatyn, die Gedenkstätte für die Opfer des zweiten Weltkrieges in Weißrußland.
Es muß die hervorragende Rolle der Blindengesellschaft besonders hervorgehoben werden. Durch ihren Präsidenten Anatolij Netylkin wurde diese Reise erst möglich. In seinem Auftrag organisierte Wjatscheslaw Pleskatsch diese Reise in der uns bereits bekannten, soliden Weise. Er betreute die Reisegruppe auf allen Stationen vorzüglich und sorgte für die reibungslose Koordinierung aller Termine. Der ukrainischen und weißrussischen Blindengesellschaft sei an dieser Stelle unser Dank für die Gastfreundschaft gesagt.

Als Glücksfall erwies sich für uns, daß Dr. Michail Malko, leitender Wissenschaftler im Institut für physikalische und chemische Strahlenprobleme der nationalen Akademie der Wissenschaften von Weißrußland, und ein hervorragender Kenner der Gesamtproblematik, uns begleitete. Er erläuterte ausführlich die angeschnittenen Probleme und machte uns mit namhaften Institutsleitern in der Ukraine und in Weißrußland bekannt. Dr. Michail Malko ist gleichwohl engagiert in der Sozial-ökologischen Union Tschernobyl, deren Vorsitzender, der Schriftsteller Wasil Jakowenko, uns ebenfalls empfing. Er berichtete über die Zielsetzung seiner Organisation und schilderte die Probleme ihrer Arbeit.

Ergebnis der Reise:

Die durch die Tschernobyl-Katastrophe hervorgerufenen Schädigungen für Weißrußland sind selbst jetzt, 12 Jahre nach der Katastrophe, noch weit aus größer als allgemein bekannt. Diese Informationslücke wollen wir schließen. Eine differenzierte Darstellung der komplizierten Zusammenhänge ist notwendig, sprengt aber den Rahmen dieses Kurzberichtes und soll deshalb an anderer Stelle gegeben werden. Wir fühlen uns durch die Informationen und Erlebnisse verpflichtet, zu weiterer Hilfe für Weißrußland und der Ukraine aufzurufen.

Reisegruppe:

Initiatoren:

  • Dr. med. Dr. rer. nat. Horst Wohlfarth, Winnigstedt
    Facharzt für Allgemeinmedizin - Umweltmedizin, früher Kernphysiker.
  • Friedrich Krüger (Pfarrer), Erkerode,
    Umweltbeauftragter der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig.
  • Paul Koch (Diakon), Watzum,
    Landesgeschäftsführer der Männerarbeit der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig, Vorsitzender der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V.
Foto der Reisegruppe (JPEG - Datei ca. 50 kB)
Die Initiatoren und Organisatoren der Expertenreise vor dem Sarkophag.
Von links: Dr. Dr. Horst Wohlfahrth (Winnigstedt), Paul Koch (Watzum), Wjatscheslaw Pleskatsch (Minsk), Dr. Michail Malko (Minsk) und Friederich Krüger (Erkerode)

Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer:
  • Ingeborg Bechstedt, Kassel,
    Selbständige Damenschneiderin, Bundesarbeitskreis Handwerk und Kirche.
  • Karl-Siegfried Bottke, Schöppenstedt,
    Rektor der Hauptschule mit Orientierungsstufe Schöppenstedt / EXPO-Schule.
  • Dr. Volker Crystalla, Braunschweig,
    Physiker, Dozent an der Fachhochschule Wolfenbüttel.
  • Dr. Gerd Hensel, Wetzleben,
    Dipl. Ing. (Markscheider) im Schacht Asse / Remlingen.
  • Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Kwiran, Schellerten,
    Pfarrer, Leiter des Amts für Religionspädagogik in der Ev. luth. Landeskirche in Braunschweig.
  • Ute Kwiran, Börßum,
    Mitarbeiterin im Amt für Religionspädagogik.
  • Ingeborg Schindler, Braunschweig,
    ehrenamtliche Mitarbeiterin im Diakonischen Werk Braunschweig
  • Dr. Heinrich Schrader, Braunschweig,
    Kernphysiker, Mitarbeiter der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB).
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Letzte Aktualisierung am 2006-11-03, Kai Boever. Kontaktadressen