Home
Home
Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V.


de en fr ru
Fahrten: 1997  1998  1999  2000  2001  2002  2003  2004  2005  2006  2007  2008 

Informationsreise
"Soligorsk; Minsk; Witebsk"
vom 20. bis 27. März 2005

Die Notwendigkeit der Informationsreise ergibt sich aus dem starken Engagement der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V. zu mehreren Partnerorganisationen in Belarus. Durch Irritationen beim Hauptpartner der Tschernobyl-Initiative, der weißrussischen Blindengesellschaft ab April 2004 (es wird im Jahresbericht 2004 ausführlich darüber berichtet), wurde die Zusammenarbeit im Herbst 2004 "auf Eis" gelegt und konnte durch einen Besuch des Vorsitzenden der Blindengesellschaft Oleg Schepel im Februar 2005 wieder "aufgetaut" werden. Dieses "auftauen" gleicht einem Neuanfang. Die bewährte Zusammenarbeit muss Punkt für Punkt neu ausgelotet werden, zumal bei dem Besuch im Februar viele Fragen offen blieben. Die Station "Minsk" wurde nach dem Besuch der Delegation der Blindengesellschaft im Februar erst in die geplante Informationsreise "Soligorsk; Witebsk" aufgenommen. Aus diesem Grunde blieb für Minsk nur die Zeit, die man auf der Durchreise von Soligorsk nach Witebsk einplanen konnte. Mit der Blindengesellschaft gibt es einen aktuellen Gesprächsbedarf bei der Frage "Fahrradwerkstatt Podjelniki und Arbeitseinsatz Podjelniki", ansonst sind wir gespannt, welche Themen von Oleg Schepel zur Sprache gebracht werden. Wir rechnen mit ca. 4 Stunden in Minsk. In dieser Zeit ist dann auch noch ein Besuch bei der lutherischen Gemeinde, im Büro des Kinderzentrums Nadeshda und ein Treffen mit Freunden (Vjatscheslav Pleskatsch; Dr. Malko, Olga Krsihewitsch und Anatol Kljashtchuk) von uns aus geplant.

Immerhin konnte durch den Neustart mit der Blindengesellschaft die Fahrt von Soligorsk nach Minsk (durch Bereitstellung eines Autos mit Fahrer der Blindengesellschaft) so organisiert werden, dass Aleksander Dubko nicht den weiten Weg von Witebsk nach Soligorsk (sondern nur bis Minsk) machen muss um uns abzuholen. Die Informationsreise "Soligorsk; Witebsk" kam zu Stande durch den Besuch der beiden Institutionen (Behindertenzentrum in Soligorsk/ Marina Kober und Hilfsverein Clopath(Sorge) in Witebsk/ Aleksander Dubko) im Februar 2005 zur deutsch-weißrussischen Partnerschaftskonferenz in Geseke, die vom IBB-Dortmund organisiert und hier auch ein Besuch bei den Partnern vor Ort eingeplant ist. (Hintergründe für die Einladung dieser beiden Institutionen auch im Tätigkeitsbericht 2004). Aus dem Besuch ergab sich der Gegenbesuch, zumal wir mit Marina Kober erst im Herbst 2004 (über Alex Schlißke) in schriftlichen Kontakt traten und sie im Februar erstmalig persönlich kennen lernen konnten. Die intensive Zusammenarbeit von 2002 bis 2004 mit Aleksander Dubko und seinem Hilfsverein Clopath in Witebsk führte zu weiteren Wünsche, Ideen und Angeboten zur Zusammenarbeit. Diese müssen vor Ort geklärt und die Zusammenhänge in Augenschein genommen werden, weil wir den Hilfsverein Clopath bisher auch nur indirekt kennen lernen konnten. Die Reise wird von der Landeskirche Braunschweig unterstützt in dem mir (Paul Koch, Geschäftsführer der Männerarbeit der Landeskirche) für diese Reise eine einwöchige Dienstbefreiung gewährt wurde.

Sonntag, 20. März 2005
Empfang beim Bürgermeister Um 08.00 Uhr starten wir in Watzum mit dem PKW nach Braunschweig. Weiter mit dem ICE nach Frankfurt/Hbf. Hier noch einmal umsteigen in die Regionalbahn zum Flughafen. Hier hatten wir genügend Zeit zum einchecken etc. - alles planmäßig! 14:55 Uhr Abflug in Frankfurt; 18:20 Uhr (1 Std. die Uhr vorstellen) Ankunft in Minsk / Flughafen - Pünktliche Ankunft in Minsk. Dort warten Marina Kober und Katja, die Dolmetscherin auf uns. Um ca. 20:00 Uhr kommen wir in Soligorsk am Hotel an. Das Thema beim Abendessen ist das morgige Programm vor allem im Behindertenzentrum. Hier ist einige Stadtprominenz aus der Verwaltung (Bürgermeister, Bildungsreferentin und Presse) angekündigt. Es geht aber auch um religiöse Fragen bei unserem abendlichen Gespräch, um die Baptistenkirche, die das Zentrum mit 200.000 rus. Rubel monatlich unterstützt und auch Konzerte im Zentrum gibt. Marina erzählt von ihrer Studienzeit und dass sie ein Fach "Atheismus" hatte. Hier hat sie viel von unterschiedlichen Religionen erfahren aber in der Unterrichtstendenz mehr als abschreckendes Beispiel gedacht. Gleichzeitig wurde den Studenten verboten eine Kirche zu besuchen.

Montag, 21.März 2005
Am Eingang zum Behindertenzentrum der Stadt Soligorsk werden wir empfangen mit einer traditionellen Begrüßung. Ein behinderter Junge im schwarzen Anzug begrüßt uns und überreicht uns auf einem Tablett mit einem Tuch ein selbstgebackenes Brot.
Nach dem Frühstück steht die Führung durch das Rehabilitationszentrum auf dem Programm. In einem ehemaligen, offensichtlich sehr großen zweigeschossigen Kindergarten wurde vor einigen Jahren das Rehabilitationszentrum der Stadt Soligorsk eingerichtet. Die Möglichkeit behinderte Kinder organisiert zu betreuen ist in Weißrussland noch nicht sehr alt. Sie wurden vorher zu Hause von den Familien betreuet oder vielleicht eher vor der Öffentlichkeit versteckt. Das Zentrum ist nicht als Internat sondern nur als "Tagesbetreuung" eingerichtet. Aber hier wird Betreuung und Förderung sehr engagiert und mit viel Liebe durchgeführt. 90 (teilweise mehrfach) behinderte Kinder werden von 40 Mitarbeitern betreut. In kleinen Einheiten wird gezielte therapeutische und pädagogische Arbeit geleistet. Wir sind beeindruckt von dem Engagement und der Kreativität der Mitarbeiter, was durch die anschließende Veranstaltung mit "Fest" bezeichnet in ausgezeichneter Weise demonstriert wird. Worauf Marina in jedem Raum und den langen Fluren hinweist, sind die Nachteile des Hauses, die technischen Mängel und die fehlende Ausstattung. So sind die Toiletten noch sichtbar aus der Kindergartenzeit mit entsprechend kleinen Toiletten ausgestattet. Zwischen zwei kleinen steht häufig eine große, wobei von den 3 Toiletten oft nur eine funktioniert. Auch die Waschbecken sind zu klein oder funktionieren nicht. Ein Wasser- und Sanitärinstallateur hätte hier ein großes Betätigungsfeld. Die Zuleitungen im Fußboden sind teilweise undicht, so muss der Holzfußboden jährlich erneuert werden wodurch auch das Linoleum leidet. Auf der Wunschliste des Zentrums stehen dann auch 400 qm Linoleum.

Im Reha-Zentrum Für 10:00 Uhr ist ein Treffen mit der Stadtverwaltung vorgesehen. Für das Zentrum ist es ein wichtiges Zeichen, dass der ankündigte Besuch des Bürgermeister von Soligorsk, Michael Omeljantschuk tatsächlich stattfindet. Diese beiden Vertreter der Stadtverwaltung kommen in das Zentrum um sich über die mögliche Zusammenarbeit der Tschernobyl-Initiative und des Zentrums zu informieren. Ein Zeichen dafür, dass auch auf der Ebene der Stadtverwaltung hohe Erwartungen an eine Zusammenarbeit zur Unterstützung des Behindertenzentrums gesetzt werden. Vieles von dem was wir als Mängel gesehen haben steht im direkten Aufgabenbereich des Haus- und Institutionsverantwortlichen - offensichtlich fehlt aber das Geld. Zunächst beschreibt der Bürgermeister die 101.000 Einwohner zählende Stadt als Problemstadt. Es ist eine junge, sehr dichtbesiedelte Stadt. Offiziell gehört Soligorsk nicht zu den Gebieten, die von der Tschernobyl-Katastrophe betroffen sind. Allerdings werden in den umliegenden Orten regelmäßige radiologische Messungen durchgeführt. Entsprechende Zahlen wurden nachgereicht, die in den meisten Fällen "normale Werte" und in einem Fall bei Pilzen den Normalwert um das 4fache übersteigt. (Zahlen von einer staatlichen Behörde für 2004).

Ein Problemfeld für Soligorsk sind die Abraumhalden des Kaliwerkes, das die Atmosphäre stark beeinflusst. Das Trinkwasser ist nicht sehr gut. Allerdings verdienen die 18500 Mitarbeiter mit durchschnittlich 1000 Dollar unverhältnismäßig gut im Kaliwerk. Neben den Informationen über die Stadt geht es dann im zweiten Teil um die Tschernobyl-Initiative, was unser Ziel in Soligorsk ist und welche Möglichkeiten wir zur Unterstützung des Zentrums haben. Da Marina im Februar bei uns war, hatte sie bereits eine Vorstellung von unseren Möglichkeiten, die sich in einen Vertragsentwurf niederschlugen. Vom Grundprinzip waren dies 4 Punkte, die in der Tat in irgendeiner Weise in Deutschland angesprochen waren. An erster Stelle die Handwerkereinsätze im Zentrum die sich hauptsächlich auf den Sanitärbereich beziehen, wobei es auch sonst genügend Betätigungsfelder am und im Haus gäbe. Der zweite Punkt ist die Ausstattung eines Raumes zur Vorbereitung der Behinderten auf einen weitgehend selbständigen (soweit möglich) Alltag. Elektroherd und sonstigen Kücheneinrichtungen stehen hier auf der Wunschliste. Der dritte Punkt ist die Einrichtung einer Computerklasse für die Behinderten und als letztes der Hospitationsaufenthalt in Neuerkerode, der bereits mit Neuerkerode vor abgeklärt ist.

Im ursprünglichen Programm steht für 11:30 Uhr "Konzert". Vor Ort wird in der Ankündigung von "Fest" gesprochen. Das "so genannte" Fest entpuppte sich eher als eine sportliche Veranstaltung, in der im Wesentlichen 2 Mannschaften gegeneinander unterschiedliche Geschicklichkeitsübungen in Form eines Wettkampfes durchführten. Dennoch war die Veranstaltung mit viel Liebe und Engagement vorbereitet und durchgeführt worden. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass jedem behinderten Kind ein "Betreuer" zur Seite stand. Diese Betreuer waren Schüler und Schülerinnen eines hiesigen Gymnasiums. Der lokale Fernsehsender filmte die Veranstaltung und machte anschließend Interviews mit den verantwortlichen des Zentrums und den Gästen aus Deutschland. Am nächsten Abend wurde eine Zusammenfassung davon im Fernsehen ausgestrahlt.

Für 13:30 Uhr ist der Besuch des Bergwerks vorgesehen. Vor ca. 50 Jahren wurde in der Region um das heutige Soligorsk die Salz- + Kalivorkommen entdeckt. Aus dieser Tatsache entwickelte sich die Stadt. Von den 4 eigenständigen Betrieben (Abbau, Abraum, Verarbeitung und Reparatur) ist der Betrieb, der sich mit dem Abbau des Salzes beschäftigt derjenige, der das Behindertenzentrum und auch unseren Besuch (mit Fahrzeug, Hotelzimmer und den Besuch im Bergbau) unterstützt. Der Besuch des Bergwerkes ist also obligatorisch für Gäste des Behindertenzentrums, zumal auch der Ehemann von Marina hier arbeitet. Für uns, die wir keine Fachleute auf diesem Gebiet sind, war die Tatsache überhaupt hierher eingeladen zu werden schon interessant. Noch interessanter wie unter der Erde "unter Tage", war was uns danach im Werk erwartete. Duschen war nach dem Aufenthalt unter der Erde sehr angebracht. Anschließend Saunabesuch im Fitnessbereich des Werkes mit zwei unterschiedlichen Wasserbecken, ein Raum mit Fitnessgeräten und ein Billardraum mit einem großen Billardtisch. Nach der Saunaprozedur wurden wir in einem Nebenraum eingeladen, wo der Tisch für uns gedeckt war. Es dauerte nicht lange und der Direktor des Betriebs begrüßte uns und verweilte mehrere Stunden mit uns. Was mit der nachfolgenden Kaffeepause im Programm vorgesehen war, war nun eben eher eine vollständige Mahlzeit, die wir mit dem Direktor einnahmen.

Dienstag, 22. März 2005
Um 09:00 Uhr starten wir um den Besuch im städtischen Museum nachzuholen. Eigentlich hatten wir etwas über die Stadtgeschichte erwartet uns wurde aber eher der allgemein historische Teil der Ausstellung gezeigt, weil wir nicht sehr viel Zeit hatten. Die Ausstellungsräume sind architektonisch der unterirdischen Schachtanlage nachempfunden. Ausführlich wurden uns die unterschiedlichen Ornamente auf Kleidung und sonstigen Textilien erklärt.

Anschließend besuchen wir die evangelische Baptistenkirche, die Anfang des Jahres die Stadtverwaltung anfragte, wo sie innerhalb der Stadt helfen könnten. Ihnen wurde die Adresse des Behindertenzentrums genannt. Seither ist Marina gut in der Baptistenkirche bekannt, die Baptistenkirche unterstützt seither das Zentrum finanziell und ideell. 200.000 rus. Rubel (ca. 70 €) kommen von hier aus monatlich an das Behindertenzentrum. Auch mit kleinen Konzerten war die Baptistenkirche schon im Zentrum. Wir werden vom Pastor freundlich begrüßt. Die Baptistenkirche wurde erst vor ca. 10 Jahren gebaut (Kirchenraum mit 500 Sitzplätzen und großzügigen Altarraum für Chor und Kirchenvorstand). In der unteren Etage der Kirche sind Chor und Band-Übungsräume. Die Gemeinde hat 3 Musikbands, die jeweils ihren eigenen Übungsraum haben. Eine Küche und ein Gemeindesaal befinden sich ebenfalls auf dieser Etage. Seit 2 Jahren steht noch ein zweites Gebäude neben der Kirche in dem Sonntagsschule und Suchtberatung/Suchthilfe durchgeführt wird. Obwohl die Kirche den Staat mit diesen Aufgaben entlastet, macht dieser der Kirche große Schwierigkeiten. Sie dürfen keine ausländischen Gäste einladen. Uns durften sie natürlich empfangen, aber sie hätten nicht die juristische Einladung für das Visa machen können. Im Bereich um Soligorsk einem ehemals polnischen Gebiet, sind sehr viele Baptistengemeinden (ca. 25), die alle vom Soligorsker Pastor betreut werden.

13:30 Uhr. Auf dem Programm steht: Besuch des päd. Kolleg / Fachrichtung Deutsch. Es geht um das Kolleg auf dem Katja Psychologie unterrichtet. Uns wird zunächst die Einrichtung gezeigt. Im Nebengebäude ist die Kunstabteilung untergebracht. In einem Ausstellungsraum sehen wir wahre Kunstwerke vor allem was die Strohbearbeitungskunst angeht. Bevor wir noch mit der Direktorin Kaffee trinken sind wir in der angekündigten Deutschklasse. 40 Studenten und Studentinnen warten bereits auf uns und stellen ihre Fragen. Es geht interessanter Weise stark um religiöse, kirchliche Fragen aber auch um Fragen rund um das Thema Tschernobyl. Eine scheue aber dennoch angenehme Atmosphäre mit Tiefgang. Beim abschließenden Kaffeetrinken bei der Direktorin sprechen wir darüber, dass sie gerne die Kunstwerke von Lehrern und Schülern ausstellen und auch (zur Ausstockung des Schulbudget) verkaufen möchte. Eine Ausstellung im Zusammenhang mit "20 Jahre Tschernobyl" (ohne Verkaufszusage) wird in Erwägung gezogen, was natürlich auf Beigeisterung stößt. Allerdings müssen eventuelle Zollprobleme mit der weißrussischen Botschaft in Berlin durchgesprochen werden.

Zurück im Zentrum erwartet uns Hanna vom Bildungsministerium der Stadt und erkundigt sich nach den Korrekturen des Vertragsentwurfes. Wir besprechen diese und unterzeichnen anschließend diesen Vertrag. Zwei Mitarbeiter vom örtlichen Nachrichtenmagazin sind zu einer Pressekonferenz eingeladen, wo es um die Arbeit der Tschernobyl-Initiative, die zukünftige Zusammenarbeit und den unterzeichneten Vertrag geht.

Mittwoch, 23. März 2005
8:30 Uhr. Abholung durch ein Fahrzeug der Blindengesellschaft mit dem Dolmetscher Nikolai Schoudeiko. Mit leichter Verspätung starten wir in Soligorsk in Richtung Minsk. Gegen 11.00 Uhr waren wir bei Dr.Mikhail Malko und um 12.00 Uhr treffen wir uns in der Blindengesellschaft zunächst mit Vjatscheslav Pleskatsch und der Abordnung aus Witebsk (Natascha, Sascha und Konstantin). Dann gingen wir zu Oleg Schepel, dem Vorsitzenden der Blindengesellschaft. Schon auf der Fahrt nach Minsk wurden die relevanten Dinge (Fahrradwerkstatt in Podjelniki, Hilfstransport, Maschinen der Berufsschule und Begegnungsfahrt) besprochen. Es kommt zur Unterzeichnung der Vereinbarung zur Einrichtung einer Fahrradwerkstatt im Sanatorium Podjelniki. Im Anschluss an das Gespräch besichtigen wir das renovierte (umgebaute) Hotel "Fontana". Es ist nicht mehr wieder zu erkennen und hat "europäisches Niveau", wobei es an der einen und anderen Ecke dann von diesem Niveau doch auch noch weit entfernt ist.

Luth. Kirche in Minsk Wir fahren weiter zur Lutherischen Gemeinde in Minsk. Olga Stockmann erwartet uns und zeigt uns ihren Kirchen-Neubau. Eine kleine, bescheidene Kirche für den "Normalgebrauch", allerdings ist in der Planung auch eine Erweiterungs-möglichkeit. Größere Veranstaltungen macht sie im IBB-Zentrum, das in der Nähe ist. Sie berichtet, dass sie zu Weihnachten 50 Kinder in ihrer Veranstaltung hatte. Sie meint, die Kinder sind aufgeschlossener für das Luthertum als die Erwachsenen. Die Erwachsenen sind noch stark an der Orthodoxie orientiert.

Schon bald geht die Fahrt weiter zur nächsten Station zu Vjatscheslav Makuschinski, Direktor des Kinderzentrum Nadeshda. Die vom 11.-22. Juni geplante deutsch-weißrussische Berufsschüler-Begegnung wurde besprochen. Besprochen wird die Anzahl der Teilnehmer, die Frage der Dolmetscher, dem Kultur - und Sportangebot mit den Kindern. Am Wochenende wird (mit 1 Übernachtung in Minsk) ein Ausflug eingeplant. An Arbeiten ist geplant: Reparatur (184 Nachtschränke aufarbeiten), Betonarbeiten (50 qm ), Fassade Streichen (260 qm), Spielkomplex streichen, Raum für Sportinventar richten, Energiesparlampen austauschen. Dann geht es weiter zur letzten Station in Minsk. In den Räumen der Blindengesellschaft (Konferenzraum) treffen wir mit Anatol Kljashtchuk, Fotograf und Olga Krishewitsch, Dolmetscherin bei unseren 3 letzten Kindererholungsmaßnahmen. Während sich Paul und Anatol hauptsächlich über die nächste Ausstellung von Dieter Wegner unterhielten, kümmerte sich Irene um Olga, wo es offensichtlich auch mehr um private Angelegenheiten der jungen Mutterschaft von Olga ging. Anatol brachte eine CD mit Fotos für die Ausstellung im Juni / Wolfenbüttel und erkundigte sich auch über die Entwicklung von humanitärer Hilfe und Kindererholung nach der Ankündigung des Präsidenten, dass beides stark eingeschränkt werden sollte.

Etwas über 3 Stunden dauert die Fahrt nach Witebsk. (260 km) Konstantin Lamchanowski erzählt während der Fahrt von seinen Erinnerungen an die Reise im April 2004 nach Deutschland und dass er viel gelernt und auch schon einiges umgesetzt hätte.

Donnerstag, den 24. März 2005
Nach dem Frühstück fahren wir etwa 12 km aus der Stadt heraus zur Psychiatrischen Klinik in Witebsk. Einer der Ärzte gehört dem Verein Clopath an. Dieser holt uns beim Pförtner ab und führt uns durch die Klinik. Zunächst ein Treffen mit zwei Vertretern des Chefarztes, die dann auch beide einen Großteil der Führung mit dabei sind. Zunächst wird uns die neueste Abteilung für jugendliche Suchtkranke gezeigt. Ein passabler Stand verglichen mit dem was wir anschließend zu sehen bekamen. Nur die Verbindung zum Hilfsverein Clopath und die Hoffnung auf Hilfe verschaffte uns den Zutritt zu allen Abteilungen. Nur die Toilette wollten sie uns nicht zeigen, erst wenn von uns Handwerker kommen um aufzulisten was an Material für die nötige Renovierung benötigt wird. Ich musste an Dr. Horst Wohlfarth denken, dem ein solcher Besuch verwehrt blieb trotz medizinischem Interesse und trotz Kontakt zu Dr. Mikhail Malko. Hier sollten auch die Waschbecken der Berufsschule Wolfenbüttel installiert werden. Entweder es gab im Vorfeld ein Missverständnis darüber dass es "Außenwaschbecken" sind oder sie haben sich intern gestritten wo die Waschbecken aufgestellt werden sollen. Jedenfalls ist das derzeit noch nicht klar. Es wird vereinbart, dass wir mit Bau-Fachleuten kommen um aufzunehmen was gemacht werden soll, was für Material und wie viel Zeit gebraucht wird und ob wir das dann überhaupt leisten können. Auf dem nachgereichten Wunschzettel stehen dann auch eine ungeheuer große Zahl von Fliesen, vermutlich für die Toiletten.

Von der Tschernobyl-Initiative gelieferte Hilfsmittel Der Besuch des Krankenhauses der "eiligen medizinischen Hilfe" steht am Nachmittag auf dem Programm. Hier hält uns der Chefarzt zunächst einen Vortrag an Hand einer Schautafel über den Gesamtkomplex inklusive Planungen. Danach kommt die Führung. An vielen Stellen des Krankenhauses wird auf die bereits geleistete Hilfe aus Watzum und Kassel hingewiesen. Viele Krankenbetten, Rollstühle, Rollatoren aber auch spezielle Klinkeinrichtungsgegenstände sind dabei. Der Stolz der Klinik (aus der humanitären Hilfe) scheint die Apparatur zu sein mit der man eine Operation mit Video aufzeichnen und den Studenten zeigen kann. Abschließend wird der Wunsch nach weiterer Unterstützung evtl. auch im Bereich des Ärzteaustausches angesprochen. Das Mittagessen nehmen wir im Krankenhaus ein, obwohl es kurz vorher in der Psychiatrischen Klink auch schon Schnittchen gab.

Nun ist der Besuch eines der beiden Betriebe der Blindengesellschaft angesagt. Direktor Lamchanovski erwartet uns in seinem Büro. Von hier aus starten wir um die unterschiedlichen sozialen Einrichtungen des Betriebes kennen zu lernen. Das ist das Museum, die Bibliothek und die Ambulanz. Die Zahnärztin führt uns bittend ihre mittelalterliche Einrichtung vor. Es folgt ein Gespräch mit Blinden, ein Besuch der auf dem Betriebsgelände befindlichen orthodoxen Kirche und ein Besuch im Wohnheim. Danach folgt ein Konzert von unterschiedlichen Musik- und Tanzgruppen, die mit viel Schwung Folklore und Modernes zeigen und zu Gehör bringen. Im Anschluss an das Konzert spricht noch einmal der Direktor und von mir werden dann auch einige Worte erbeten.

Es folgt ein Essen mit Gespräch im Betrieb im kleineren Kreis. Es ist zusätzlich zu den Gastgebern Tamara und Konstantin Lamschanowski und unserer Runde Dubko, Koch, Dudkevitsch, noch die Vertreterin der Gewerkschaft des Betriebes mit anwesend. Das Essen besteht aus mehreren Gängen und ist mehr als üppig, so dass Konstantin vorschlägt, vor dem geplanten Abendessen im Hotel einen Stadtspaziergang zu machen. Dies wird ihm erfolgreich ausgeredet, weil es bei der Gegend und der Tageszeit nichts zu sehen gibt. So entschließt er sich zu einer Stadtrundfahrt. Dann kommt das vorbestellte Abendessen im Hotel auf der 14ten Etage. Die Restaurantgäste müssen sich (auch bei Besuchen bei den Hotelgästen) beim Empfang registrieren lassen und um 23.00 Uhr das Hotel verlassen haben. Die Portionen sind allerdings nicht so klein, dass man 2 Stunden vorher so ausgiebig hätte essen müssen. Vielleicht ist es die Angst, dass die Gäste nicht satt werden würden und gleichzeitig das Imagedenken, die Gäste ins Hotel ausgeführt zu haben.

Freitag, den 25. März 2005
Um 08:30 Uhr ist das Frühstück im Hotel mit Tamara und Konstantin Lamchanowski. Nach dem Frühstück verabschieden sich die beiden zu einer Dienstreise nach Sibirien. Für den Vormittag ist der Besuch des Gymnasiums Nr. 4 vorgesehen. Von hier aus sollen 8 Schüler im Oktober 2005 zu einem Schüleraustausch nach Wolfenbüttel kommen. (auf Grund einer Einladung der Lessing-Realschule Wolfenbüttel, die über die Tschernobyl-Initiative und den Verein Clopath vermittelt wurde.) Die erste Überraschung ist, dass uns der Direktor bereits entgegen kommt als er uns mit dem Auto vorfahren sieht. Zunächst ein Gespräch mit dem Direktor, der sichtlich aufgeregt ist. Danach werden wir durch die Schule und die einzelnen Abteilungen geführt. Schwerpunkte liegen auf Kunst und Technik. In dieser ausgeprägten Art einzig in Belarus. Es folgt ein Konzert zu Ehren der deutschen Gäste. Die Moderatoren sprechen vorwiegend auf Deutsch. Das Konzert besteht aus Liedvorträgen, auch ein selbstkomponiertes Lied trägt ein Schüler mit Gitarre vor. Ansonsten gibt es auch viele Tänze. Nach dem Konzert treffen wir uns mit den Eltern und Schüler, die sich auf die Deutschlandfahrt vorbereiten. Nach einer Vorstellungsrede des Direktors, in der er bekennt, dass er bereist seit 7 Jahren auf eine Möglichkeit zu einem deutsch-weißrussischen Schüleraustausch wartet, werden Fotos von der Lessingrealschule und eine Broschüre von Wolfenbüttel zur Information durch die Reihen gegeben. Danach wird ein Schreiben der UNESCO-Koordinationslehrerin Bettina Luis verlesen und übergeben. Der mitgebrachte "UNESCO-Stafettenstab" wird erklärt und übergeben. Dann haben die Eltern die Möglichkeit fragen zu stellen. Es wird nach den Absichten der Einladenden und dem geplanten Programm gefragt. Die Schüler haben nach vorheriger Absprache Bilder gemalt und übergeben, die in Deutschland verkauft werden sollen um so einen "Eigenbeitrag" zu erzielen. Anschließend Mittagessen mit dem Direktor und einer seiner Stellvertreterinnen. Beim Essen und dem Gespräch kommt mir die Idee, den Direktor (+ 1-2 Personen) zur Vorbereitung des Schüleraustausches nach Deutschland einzuladen, wenn sie die Hin und Rückreise selbst finanzieren. Mit dieser Idee kommt der Direktor in Schwierigkeiten, weil er zum einen überlegen muss wen er mit nimmt und zum anderen bereiten ihm die Fahrtkosten große Sorgen. Einen Schuletat hat er jedenfalls nicht dafür. Aber er ist sehr interessiert. Der Besuch sollte über den 26. April gehen, damit auch die Arbeit der Tschernobyl-Initiative sichtbar wird. Nach dem Essen noch einen Treffen mit einigen Lehrern wo zunächst die Schule und das Schulsystem vorgestellt wird. Zu einer Fachdiskussion kann es natürlich nicht kommen, aber wir verstehen soviel, dass wir ein Lob auf die Schule aussprechen können (nicht nur für die Schülerdisziplin) und auf die Möglichkeit des gegenseitigen deutsch- weißrussischen "voneinander lernens" hinweisen. Es folgt noch ein Nachgespräch im Direktorenzimmer. Jetzt, nach getaner Arbeit, holt der Direktor den Wodka aus dem Schrank und die zukünftige Zusammenarbeit wird begossen, bevor es zur nächsten Station weitergeht.

Drei Museumsbesuche stehen auf dem Programm: Das Stadtmuseum im ehemaligen Rathaus, dann ein Museum für Münzen, Orden, Postkarten und Modellautos und zuletzt das Afghanistanmuseum.

Um 18:00 Uhr treffen wir uns mit Lilija Michjailowna (lutherische Gemeinde in Witebsk). Lilija war vor 4 Jahren auf Einladung der Männerarbeit Braunschweig auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag und zuvor in Watzum, Schöppenstedt, Wolfenbüttel und Braunschweig. Die Gemeinde ist das zweite Mal erfolgreich registriert und hat juristisch keine Probleme. Es ist ein Gemeindehaus, das gekauft oder gemietet ist. In einem großen Raum stehen bis zu 50 Stühle und an der Vorderseite ein Altar mit Kruzifix und Kerzen. Auf der oberen Etage gehört dann noch eine Art Büro und ein Flur mit Sitzgelegenheit dazu. In der unteren Etage sind eine provisorische Küche und die Toilette.

Samstag, den 26. März 2005
Im Kinderhaus Etwas früher als sonst, nämlich um 07:30 Uhr werden wir im Hotel abgeholt und fahren zum Kinderhaus / Familientyp. Familie Terechow im Dorf Dimanova ca. 20 km außerhalb von Witebsk, bekam vom Staat ein Haus für diese Arbeit. Sie betreuen 20 Kinder, meist durch Unfälle der leiblichen Mutter oder Alkoholismus im Verwandten und Bekanntenkreis aufgenommen. Für die Kinder (Verpflegung etc.) erhalten sie 300 $ und für Ihre Arbeit 35 $ (für beide zusammen). Das Geld reicht nicht aus, sie dürfen aber offiziell nichts dazuverdienen und dürfen auch keine Mitarbeiter anstellen.

Sie haben diverse Auszeichnungen für ihre vorbildliche Arbeit erhalten. Es sind zwar nicht alle 25 Kinder (5 eigene Erwachsene Kinder) im Haus, aber zunächst merkt man überhaupt nicht, dass jemand im Haus ist. Als wir in den oberen Stock kommen wird eine Tür geöffnet. Da sitzen 8 Jungs an kleinen Tischen an der Wand entlang und malen und man hört keinen Ton. Irene stellt schnell fest: 8 Kinder aber nur 3 Hochbetten. Die kleinen liegen wohl zu zweit in einem Bett. So stehen dann neben Bettwäsche auch Betten auf der Wunschliste. Ein weiterer Wunsch ist, den überdimensionierten Wohnflur mit einer Zwischendecke zu versehen um hier noch mehr Wohnraum zu schaffen. Gefragt ist auch hier ein Arbeitseinsatz mit Handwerkern.

Anschließend fahren wir 80 km weiter nördlich von Witesk nach Jeseritsche, wo wir im Sommer 2003 mit der Reisegruppe einquartiert waren und täglich von dort aus nach Witebsk fuhren. Damals war es noch ein Internat für blinde Kinder, jetzt ist es ein Kinderheim. 65 Kinder sind als Dauergäste hier, 10 Kinder sind hier für ca. 6 Monate bis geklärt ist wo sie danach hinkommen. Auch diese Direktorin empfängt uns bereits vor dem Haus. Nach einem kurzen Gespräch in ihrem Büro führt sie uns durch das Haus und zeigt stolz die Veränderungen vom Internat zum Kinderheim, wobei es dabei noch viel zu tun gibt. Sie zeigt uns die Räume und Möbel, die mit der von Sindrams (Reisgruppe 2003) gespendeten Farbe gestrichen wurde. Nicht nur Farbe sondern an vielen Stellen auch fachkundige Handwerkerarbeit ist gefragt. Die Fensterrahmen sind teilweise abgeklebt, weil sie durch den Zahn der Zeit schon so porös wurden, dass der Winterwind durchpfeift. Auch hier ein Konzert, das vor allem die musikalische Leistung von Aleksander Dubko darstellen soll, der einmal in der Woche zum Musikunterricht nach Jeseritsche kommt. 2 ältere Jungs zeigen zum Abschluss des Konzertes ihr Können als Breaktänzer. Nach dem Mittagessen im Kinderheim fahren wir zurück nach Witebsk.

Hier ist der Besuch beim Sportinstitut "Lokomotive" vorgesehen. Hintergrund hierfür ist, dass Aleksander Dubko von uns gespendeten Fahrräder abgegeben hat und dafür mit seinen Behinderten kostenlos die Einrichtung nutzen darf. Schwimmbad, Sauna, Turnhalle und Billardraum stehen zur Verfügung. Die Trimmgeräte sind durchweg defekt und können nicht benutzt werden.

Nun besuchen wir das Zentrum der Invaliden des Vereins Clopath(Sorge), den Aleksander Dubko nach seinem ersten Deutschlandaufenthalt ins Leben gerufen hat. Dafür dass der Verein erst 4 Jahre existiert ist er sehr aktiv. Die Vorstandmitglieder sind zum einen für bestimmte Stadtbezirke zuständig, haben aber auch ihren je eigenen Arbeitsschwerpunkt (Kultur; Sport, Musik, Computer, Schach, Ausflüge etc.). Es wird über die generelle Schwierigkeit der humanitären Hilfe gesprochen aber auch wie sie die humanitäre Hilfe verteilen. Im ersten Schritt werden vom Vorstand die Dinge weggeben die der Verein nicht selbst braucht. Dann werden Kleider- und sonstige Sachspenden gezielt ausgesucht und an die entsprechenden Mitglieder weitergegeben. Aus dem Rest-Fundus können sich dann die Mitglieder des Vereins Clopath noch zusätzliche Dinge selbst aussuchen. Auch hier ist die Wunschliste lang. Angefangen von einem Akkordeon für die Musikgruppe über kleine Geschenk-Päckchen als Preise für das Invaliden-Musik-Festival im August. Im Gespräch wird die jeweilige Arbeitsweise (Clopath / Tschernobyl-Initiative) vorgestellt und besprochen. Beim Abendessen wird bei den Toasts natürlich auch auf die weitere Zusammenarbeit getrunken. Wichtig scheint, dass Clopath seine Eigenständigkeit bewahrt und sich nicht von den etwas betuchteren Blindengesellschaft kaufen lässt. Wir ermuntern sie zur Eigenständigkeit und Kooperation!

Sonntag, den 27. März 2005
07:00 Uhr. Abreise in Witebsk um nach Minsk zum Airport zu fahren. Die Straßen sind frei und sind 2 Stunden vor dem Abflug am Flughafen. Irenes Gepäck wird noch nicht einmal durchleuchtet. 12:30 Uhr: Pünktlicher Abflug in Minsk und pünktliche Landung in Frankfurt/Main-Flughafen. Um 18:58 Uhr kommen wir dann auch planmäßig in Braunschweig an.

Paul Koch
Vorsitzender der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V.
tschernobyl-initiative.schoepp@onlinehome.de

Verein

Vereinsstruktur Tätigkeiten Spenden und Hilfe

Letzte Aktualisierung am 2006-11-14, Kai Boever. Kontaktadressen